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Marterl erinnert an Mordtat vor 100 Jahren
Zu Kirchweih in Aschau i. Chiemgau

Aschau (hö) – „Die gute, alte Zeit!“ – so mag sich mancher Zeitgenosse ob vielfältiger Probleme dieser Welt sagen. Aber ob vor Jahrhunderten oder Generationen die Zeiten wirklich immer nur gemütlich, ruhig und rosig waren, das ist und bleibt unbeantwortet. Von eher unguten Zeugnissen berichten vielfach Chroniken und Überlieferungen in Form von Marterl. Manches Unglück ist darin festgehalten. So zum Beispiel der „Mord am Ahorn-Baum“ von Aschau. An Kirchweih 1901, genau am 14. Oktober, jährt sich diese Geschichte mit dem „Zweiten Gesicht“ zum 100. Male. Hohenaschauer Bürgerinnen und Bürger pflegen noch heute ein vielfach unbeachtetes Marterl am Wegesrand zur Erinnerung an diese grauenvolle Tat.

Rechts der Straße von Weidachwies nach Niederaschau steht dieses Marterl, das unter einem Ahornbaum aufgestellt wurde. Erinnern soll es daran, dass im damaligen Wirtshause an Kirchweih 1901 eine Rauferei entstand. Im heute nicht mehr existenten Wirtshaus trafen sich die Bauarbeiter und Einheimischen nach getaner Arbeit bzw. zum Kirchweihfeiern. Die Arbeiter waren zu dieser Zeit mit Verbesserungsmaßnahmen anlässlich Prien-Fluß-Regulierung beschäftigt. Mehrere Hundert in- und ausländische Arbeiter hatten an dieser Prien-Korrektion zu tun. Als es gerade zünftig-hoch her ging im Wirtshause, da kamen es zwischen dem Forstgehilfen Lorenz Huber von Hohenaschau und einem Erdarbeiter aus Kolbermoor zu einem heftigen Streit. Huber lief aus der Gaststätte, sein Gegner sprang ihm nach und versetzte ihm draußen unter dem Baume einen tödlichen Messerstich. Wie es in den heimatkundlichen Aufzeichnungen von Max Ziegmann im Buch „Aschau – wie es früher war“ heißt, erhielt der Täter eine Gefängnisstrafe von drei Jahren unter Zubilligung mildernder Umstände. Therese Huber aus Bach weiß heute als 80jährige und  als Enkelin von Lorenz Huber aufgrund der Weitererzählungen zu berichten, dass der Täter drei oder vier Kinder hatte und auch deswegen ein milderes Urteil erhielt. Der Täter aus Kolbermoor verblutete schon ein paar Jahr nach der Freilassung selbst durch einen Messerstich.

Seelenmessen für den Ermordeten

Nach einigen Jahren schien über die Mordtat Gras gewachsen zu sein. Da kam ein zur Sommerfrische in Aschau weilender Arzt aus Westfalen am Mord-Baum vorbei. In der Chronik heißt es dann: „Er sah unter dem Baume einen Mann in Jägeruniform stehen, der ihn mit starren, bittenden Augen unaufhörlich ansah, so dass der Arzt seinen Wagen nur in ganz langsamer Fahrt an der Erscheinung vorübersteuern konnte“. Bei seinen nachfolgenden Erkundungen stellte sich heraus, dass der ermordete Huber und der Arzt zusammen in München in der gleichen Kompanie gedient hatten. In treuer Kameradschaft ließ der Arzt das Marterl errichten und Seelenmessen lesen. Nach wetterbedingten Schäden ließ Freiherr Ludwig von Cramer-Klett später ein künstlerisch gefertigtes Marterl erstellen. In jüngster Zeit kümmerten sich die zwei jungen Aschauer Bernd Reiter und Günther Mayer in vielen Arbeitsstunden um eine erneute Restauration des Bildkreuzes im Aschauer Ortsteil Weidachwies unweit der Burg Hohenaschau.

Marterl nach der jüngsten Restauration und 100 Jahre nach der Bluttat

Anton Hötzelsperger Foto: Berger

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