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Bayerns Landwirtschaftsminister Josef Miller stellt sich aktuellen
 Fragen zu Urlaub und Brauchtum auf dem Bauernhof

Minister Miller beim Jubiläum „10 Jahre UadB in Bernau“Bernau/Chiemgau (hö) – Das zehnjährige Bestehen von „Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern“ bot eine gute Gelegenheit, zu diesem kleinen Jubiläum und zu anderen Themen ein Interview mit Bayerns Landwirtschaftsminister Josef Miller zu führen. Die Fragen und Antworten sollen einen Eindruck von der Nachhaltigkeit der vermietenden bäuerlichen Familien für die Landwirtschaft im speziellen und für die Heimat im allgemeinen darstellen.

Frage: Ist Urlaub auf dem Bauernhof (UadB) als junge Tourismuserscheinung mehr als nur ein momentaner Trend?

Minister-Antwort: UadB hat in Bayern eine lange Tradition, seit mehr als hundert Jahren gibt es UadB in Bayern. Von einer jungen Tourismuserscheinung kann daher nicht die Rede sein. Womit Sie allerdings recht haben ist die Aussage, dass UadB im Trend liegt. UadB ist eine Form des sanften und umweltschonenden Tourismus. Und UadB ist eine Form des Individualurlaubes hier in Bayern. Auch dem Urlaubstrend Wellness und Erholung entspricht der UadB voll. Nicht nur durch Spezialangebote für Gesundheitsurlauber und Erholungssuchende, sondern auch durch die geringen Entfernungen bei der Anreise, gewohntes Klima und heimisches Umfeld. Der Urlaub und damit die Erholung beginnt beim Urlaub auf dem Bauernhof bereits am Tag der Anreise.

Frage: Wie sieht die Rendite zum zweiten Standbein für die Landwirtschaft aus?

Minister-Antwort: UadB ist ein beachtlicher Tourismuszweig mit hoher Attraktivität. Rund 10 Millionen Übernachtungen verbuchten die bayerischen UadB-Betriebe im letzten Jahr. Damit findet jede dritte Übernachtung auf einem Bauernhof deutschlandweit in Bayern statt. Bei einer durchschnittlichen Bettenzahl von 12 Betten pro Betrieb und ca. 145 Übernachtungen pro Bett erwirtschaften die Landwirte und Bäuerinnen einen nicht unerheblichen Einkommensbeitrag zum Betriebseinkommen. 10% der bayerischen UadB-Betriebe erwirtschaften bereits ihr Haupteinkommen aus diesem Betriebszweig. Auf Bundesebene beträgt das Einnahmevolumen aus dem Betriebszweig UadB derzeit ca. 600 Millionen allein für die Übernachtungen in den Betrieben. Darüber hinaus profitiert der gesamte ländliche Raum vom Urlaub auf dem Bauernhof mit einem Einnahmevolumen von 1,3 Milliarden Mark. Dies ist auf die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis der Angebote zurückzuführen!

Frage: Ist die Spezialisierung bei UadB eine Chance oder ein Risiko?

Seit zehn Jahren bayer. Markenzeichen: der Gockel für UadBMinister-Antwort: Spezialisierung ist aus meiner Sicht der einzig richtige Weg, um im Tourismus Erfolg zu haben. Der Gast von heute sucht Angebote, die speziell auf seine Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten sind. Ein Gast, der im Urlaub etwas für seine Gesundheit tun möchte, sucht spezielle Angebote wie z. B. Kneipp-Urlaub oder Fitness- und Wellness-Bauernhöfe. Eine Familie mit Kindern sucht Bauernhöfe, die Spielmöglichkeiten für Kinder haben, die eventuell Kinderbetreuung anbieten oder eine spezielle kindgerechte Ausstattung in den Ferienwohnungen anbieten. Und nur wer diese Gästewünsche erfüllen kann, wird sich auf dem Markt behaupten können. Urlaubsbauernhöfe können nicht allen Zielgruppen gerecht werden, daher ist eine Spezialisierung der richtige Weg. Ein weiteres Argument, das für eine Spezialiserung spricht, ist die zielgruppenorientierte Werbung und ein spezifisches Marketing. Nur wer seine Zielgruppe kennt, kann diese auch gezielt ansprechen.

Frage: Sind Gastgeberqualitäten beim Bauernhof anders als in einem Hotel?

Minister-Antwort: Ich bin mir sicher, dass auch alle bayerischen Gastronomen sehr gute Gastgeberqualitäten haben. Dies steht nicht in Frage. Aber ich denke, der Gast, der Urlaub auf dem Bauernhof bucht, sucht eine andere Art von Gastgeber. Einen Gastgeber, der den persönlichen Kontakt zu seinem Gast sucht. Der den Gast als guten Bekannten in seinem Haus empfängt und auch entsprechend umsorgt und betreut. Und es ist nicht nur der Bauer oder die Bäuerin, es ist die ganze Familie, die sich um die Gäste bemüht. Entscheidend für die Gastgebermentalität ist die Freude am Dienstleistungsberuf. „Man muß den Gast mögen“ ist hierfür die oberste Devise.

Frage: Was gibt es Aktuelles zu Fortbildungs- und Förderprogrammen für UadB?

Minister-Antwort: Für die Fortbildung steht die staatliche Hauswirtschaftsberatung den Landwirten und Bäuerinnen seit Jahrzehnten als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung. Seit ca. 10 Jahren sind darüber hinaus die Ländlichen Entwicklungsgruppen Ansprechpartner für die Urlaubsbetriebe in Bayern. Die staatliche Beratung unterstützt die Betriebe durch einzelbetriebliche Beratungen und Hilfe bei der Entwicklung von Unternehmenskonzepten. Hierbei wird die Ist-Situation des Betriebes erfasst, Potentiale ermittelt und Wege und Ziele der Weiterentwicklung erarbeitet. Die von der staaatlichen Beratung angebotenen Qualifizierungsmaßnahmen sind von den Anbietern anerkannt und werden intensiv genutzt. Sie sind auf die Bedürfnisse der Anbieter ausgerichtet und abgestimmt.

Minister Miller beim Jubiläum „10 Jahre UadB in Bernau“Darüber hinaus haben die Betriebe auch die Möglichkeit, sich in einem der 80 Arbeitskreise in Bayern einzubringen, die durch die staatliche Hauswirtschaftsberatung organisiert und moderiert werden. Der Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten steht hierbei neben der fachlichen Weiterbildung im Vordergrund. Lernprozesse werden angestoßen, das Unternehmensprofil wird geschärft und persönliche Fähigkeiten und Stärken ausgebaut. Maßnahmen der Angebotsgestaltung, Qualitätssicherung und Leistungsprofile werden diskutiert und ihre Umsetzung begleitet und ausgewertet. Die Förderung für den UadB-Bereich hat sicherlich zu der positiven Entwicklung beigetragen. So wurden im Zeitraum von 1994 bis 2001 für den Bereich UadB und Freizeit und Erholung 818 Anträge bewilligt und an 934 Betriebe Auszahlungen vorgenommen. Insgesamt sind öffentliche Finanzmittel in Höhe von 39 693 221,20 Mark geflossen, also ca. 40 Millionen Mark. Dahinter verbirgt sich ein Investitionsvolumen von rund 223 Millionen Mark. Gelder, die der Wirtschaft und dem Handwerk in ganz Bayern zugute kommen.

Frage: Zusammenhalten, damit was zusammengeht – was empfiehlt der Landwirtschaftsminister?

Minister-Antwort: Genau dieses: Zusammenhalten, damit etwas weitergeht! Dies ist auch der Schwerpunkt in der Arbeit der staatlichen Hauswirtschaftsberatung und der ländlichen Entwicklungsgruppen in Bayern. Damit ist nicht nur der Zusammenhalt der UadB-Anbieter untereinander gemeint, sondern auch die intensive Zusammenarbeit der Anbieter mit anderen Partnern in der Region. Viele erfolgreiche Beispiele in Bayern belegen dies. Zwei Beispiele seien hier kurz genannt: Der Tölzer Bauernherbst in Bad Tölz, eine beispielhafte Zusammenarbeit der Tölzer Tafernwirte mit den Vitalhofbäuerinnen. Oder der Kneipp-Radweg in Mittelfranken, eine Kooperation der UadB-Anbieter mit den Gastwirten und Brotzeitstuben der Region, den Direktvermarktern, dem Naturpark Frankenhöhe und dem Tourismusverband Romantisches Franken. Für erfolgreiche Kooperationen, bei denen ale Partner zum Erfolg beitragen und auch alle profitieren, lassen sich in Bayern noch viele finden. Nur gemeinsam können wir erfolgreich sein, auch wenn dieser Weg nicht immer der leichteste ist.

Frage: Wo sehen Sie die Stärken des Brauchtums im Jahreslauf im Angebot UadB?

Minister-Antwort: Der Bauernhof ist sicher ein idealer Ort, um Brauchtum zu erleben. Hier ist Brauchtum noch Bestandteil des täglichen Lebens. Beispiele sind die Kräuterweihe,  das Erntedankfest, der Almabtrieb, die Kirchweih oder jetzt in diesen Tagen der Leonhardiritt zu Ehren des Bauernhauligen Leonhard. All dies wird auf den Bauernhöfen nicht zwecks der Gäste gepflegt, sondern weil der Bezug zu diesen Festen durch die bäuerlichen Betriebe noch vorhanden ist. Der Bauernhof ist somit ein wichtiger Ort für die Pflege und den Erhalt der Traditionen, die in Bayern zu bestimmten Festen und Feiertagen gehören. Für die Gäste, die auf einem Bauernhof Urlaub machen, wird Tradition und Brauchtum somit unmittelbar erlebt und begreifbar, sicher eine Besonderheit für Gäste, die damit bei uns eine „Heimat auf Zeit“ finden.

Vielen Dank, Herr Minister, für Ihre Antworten und Informationen.  

Das Interview führte Anton Hötzelsperger, Leiter des Verkehrsamtes in der landwirtschaftlich geprägten Hochtalregion Samerberg im Landkreis Rosenheim

Fotos: Hötzelsperger
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