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Defizite für den Tourismusraum Chiemsee aufgezeigt
Zu viele Privatbetten, fehlende Hotels und unzureichende Wellnessangebote

Prof. Pietrusky bei der Vorstellung seiner Untersuchung (stehend) – dahinter Geschäftsführer Hermann Roth.Chiemsee/Bernau (hö) 19.06.02 -  Einen Spiegel der Realität mit einigen unangenehmen Erkenntnissen hielt der niederbayerische Wirtschaftsgutachter Prof. Dr. Ulrich Pietrusky den Tourismusverantwortlichen der Region Chiemsee bei einem Vortrag im Hatzhof in Bernau vor. Schonungslos offenbarte er die Ergebnisse von langjährigen Untersuchungen und Besprechungen für die 18 Mitgliedsgemeinden, die dem Verband angehören. Die erste Ausfertigung eines Tourismuskonzeptes Chiemsee übergab er an den neuen Vorsitzenden Konrad Glück von der Gemeinde Seeon-Seebruck und an Geschäftsführer Hermann Roth. Das Leitbild entstand nach umfassenden Marktuntersuchungen und nach der Erstellung eines Stärken-Schwächen-Profils.

Bei insgesamt 2.000 Betrieben bzw. Vermietern mit insgesamt rund 20.000 Betten scheint es nur, dass alles passt. Die inzwischen wieder ansteigenden Übernachtungs- und Gästezahlen dürfen laut Erörterung von Prof. Pietrusky nicht darüber hinweg täuschen, dass in der Chiemsee-Region große Defizite herrschen. Die Region, die aus der Historie als Sommerfrische-Gebiet entstand, ist gegenüber vergleichbaren Region viel zu kleinteilig. „Bei den Besprechungen in den Gemeinden merkte ich, dass der überhöhte Anteil an Privatquartieren und die unzureichende Ausstattung mit Nasszellen ein Tabu-Thema ist“, so der Gutachter mit dem warnenden Hinweis, dass nur ein markt-konformes Beherbergungs-Angebot die wichtigste Infrastruktur darstellt. Im gewerblichen Bereich gibt es einen weiteren Missstand: die in Europa am stärksten nachgefragte Form von Quartieren in Appartement-Wohnungen gibt es viel zu wenig. Der Überhang an Privatquartieren und der Mangel an gewerblichem Angebot bewirkt nach Untersuchungen des Fachmannes, dass für das Binnen-Marketing mit 2.000 Betrieben ein viel zu großer Aufwand betrieben werden muss. Für die Außenwerbung heißt dies, dass der Werbeaufwand in Bezug auf die Angebotseinheiten überproportional hoch ist. Dazu kommen unterschiedliche Interessenslagen und ein hoher Anteil an hobbymäßiger Erledigung der Tourismusarbeit, die es dem Tourismusverband Chiemsee bei den zur Verfügung stehenden Personen und Mitteln noch schwerer machen, moderne und effiziente Marketingarbeit zu leisten.

1.000 Betten schon verloren und 1.000 Betten sind in Gefahr

Prof. Pietrusky (li.) übergibt die ersten Untersuchungsergebnisse zur Chiemsee-Konzeption an Geschäftsführer Hermann Roth und an den neuen Vorsitzenden Konrad Glück (re.)In zehn Jahren gingen innerhalb der 18 Mitgliedsgemeinden rund 1.000 Betten verloren. Weitere 1.000 Betten werden verloren gehen, weil diese immer noch ohne Nasszellen sind. „Mit Strukturen der 50er Jahre und mit Kriterien der 70er Jahre können wir heute keinen Staat mehr machen. 50 Prozent der Privatzimmer sind immer noch ohne Nasszelle – einfach eine Wettbewerbskatastrophe“ – so Prof. Pietrusky. Zur Qualitätsverbesserung soll auch die Fortführung der Klassifizierung der Beherbergungsbetriebe beitragen. Bislang haben sich diesem Test ein Drittel aller Anbieter unterzogen. Für die nächsten beiden Jahre ist das Ziel, drei Viertel zu schaffen. „Allein mit der Landschaft können wir nicht bestehen“, sagte der Referent mit einem weiteren Wermutstropfen. Im Vergleich zum Bayerischen Wald ist man am Chiemsee um Längen zurück, wenn es um die Ausstattung der Häuser mit Wellness-Angeboten geht. „Auch bei den Vergleichen der Landkreise Traunstein und Rosenheim mit dem Landkreis Regen wird deutlich sichtbar, dass Investitionsbedarf besteht“, sagte Prof. Pietrusky als Befürworter von zwei größeren Hotels oder Appartment-Anlagen mit jeweils 200 bis 300 Betten in der Chiemsee-Region. Einen Appell richtete er auch an die Kommunalpolitiker und an die Banken, da nach den erfolgten Untersuchungen im Chiemsee-Raum ebenso wie in ganz Bayern eine geringe Investitionsbereitschaft für Tourismusprojekte zur Verbesserung der Infrastruktur festgestellt wurde. Während in Deutschland (ohne Bayern) in den letzten zehn Jahren die gewerblichen Betten um 26,2 Prozent gestiegen sind, waren dies in Bayern nur 3,7 Prozent und im Chiemsee-Raum 7,2 Prozent.

Bei der Untersuchung der Übernachtungs- und Fremdenverkehrs-Intensität der Chiemsee-Gemeinden „siegte“ die kleinste Gemeinde Chiemsee vor Aschau, Chieming, Gstadt, Bad Endorf, Seeon-Seebruck und Prien. Bei dieser Zahl wird die wirtschaftliche, ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung des Tourismus im Ort erkennbar. Grundlage sind die Übernachtungen je 100 Einwohner. Dem Rückgang der Aufenthaltsdauer (in den letzten zehn Jahren um ganze zwei Tage) kann nach den Empfehlungen von Prof. Pietrusky nur mit Qualitätsverbesserungen entgegnet werden.

 

Foto: Hötzelsperger

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Stand: 26. September 2002