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„Atzinger Moorbad“
Als der Atzinger Löschweiher noch ein überörtlich bedeutsames Atzinger Moorbad war

Atzing (hö) 21.08.05 – Auch wenn das Wetter heuer nicht danach ist: Atzing war einmal eine Hochburg für Badefreunde und Badefreuden. Diese schier unglaubliche Tatsache hängt mit dem Weiher am Stettener Bach zusammen, der mehr als nur eine Löschwasser-Entnahmestelle war. Am Ortsausgang in Richtung Elperting befand sich vor 60 bis 70 Jahren das „Atzinger Moorbad“ mit allem Drum und Dran sowie mit einer richtigen, von der damaligen Gemeinde Wildenwart angestellten Bademeisterinnen. Diese waren  übrigens die Mutter von Sebastian Wöhrer in Kaltenbach und eine Frau Riepertinger aus Atzing. Genau erinnern konnte sich zum Atzinger Bad noch Leopold Schlosser aus Stetten, dessen Erzählungen hiermit festgehalten werden sollen.

Ursprünglich war der Löschweiher für die Atzinger Brauerei und für die Atzinger Gastwirtschaften auch ein Eisweiher. Diese benötigte man so lange man noch keine Kühlanlagen hatte. In Atzing endete die Arbeit mit dem Eis zur Zweiten Weltkriegszeit. Kurz zuvor gab es den Auslöser für die Errichtung des Bades. Als in den Jahren 1935 und 1936 (Einweihung mit dem Grob-Bauern von Brandenberg als damaligem Bürgermeister von Wildenwart) die Gäste im Rahmen der KdF (Kraft durch Freude)-Aktionen nach Prien und in die ehemalige Gemeinde Wildenwart kamen, da wollte man den Besuchern ein gutes Bad bieten. Die Gemeinde rief vor allem die Bauern von Siggenham bis Hendenham zu Hand- und Spanndiensten heran. Mit Händen und Spaten wurde das Bad ausgegraben. Der Grund gehörte zur Familie Reiss (danach Hausen und heute Pfeuffer) in Atzing. Auf der Ostseite wurde eine Betonwand errichtet, ansonsten wurden das Ufer mit zahlreichen Stangen befestigt. Die vorderen. Zu dieser Zeit wurde in der Filze zwischen Stetten und Siegharting noch viel und fleißig Torf gestochen. Nach der Torfstichzeit Ende Mai bis Anfang Juni begannen alle Jahre von den Gemeinde-Bauern aus Wildenwart wieder die Räum-Aktionen des Bades. Schubkarrenweise sowie teilweise mit Pferde- und Ochsengespannen wurden der Schlamm und der abgesunkene Torf entsorgt, so dass es im Sommer zu erfrischenden Badefreuden kommen konnte. In das Wasser führten einige Stufen, entlang der einen Seite waren zahlreiche Einzelkabinen zum Anmieten mit jeweiligen Schlüsseln vorrätig.

Königliche Hoheiten hatten großzügige Wasser-Kabinen

Auf der anderen Seite waren zwei etwa drei mal drei Meter große Wasser-Kabinen angebracht. Diese großzügigen Kabinen mit Zugang von aussen und mit der Möglichkeit, direkt ins Wasser zu schwimmen, wurden vor allem für die Königlichen Hoheiten von Wildenwart geschaffen. Die Prinzessinnen Hildegard und Helmtrud, aber auch Schlosspfarrer Wolbert und Wildenwarts Pfarrer Braunmüller (dieser mit einem kleinen Foxterrier) kamen mit Schloß-Bediensteten gerne nach Atzing zum Baden. Der Eintritt kostete für Kinder ein Fünferl, für Erwachsene 20 Pfennige. Die Nordseite des Badegeländes war mit Serpentinen, Liegeflächen, Tischen und Bänken schön hergerichtet. Gerne traf man sich hier auch zum Kartenspielen. Überhaupt war das Atzinger Bad ein beliebter Treffpunkt der Jugend aus allen Ortsteilen der ehemaligen Gemeinde Wildenwart. Viele, so auch Erzähler Leopold Schlosser, haben dort das Schwimmen gelernt. Das Atzinger Moorbad war auch bei den Prienern recht beliebt, da es durch das Moor fast wie ein Heilbad wirkte und  weil das Wasser schnell warm war. Die Bademeisterin hatte auch ein kleines Steckerleis zum Schlecken, Guadl und Kekse parat. Für die heimischen Buam waren verständlicherweise die Dirndl, die mit der KdF-Aktion für jeweils 14 Tage nach Wildenwart kamen, besonders interessant. „Eine hieß Trudi Keller aus Mannheim, mit der hatte unsere Familie bis in die Sechziger-Jahre noch freundschaftlichen Briefkontakt“, weiß Leopold Schlosser zu erzählen. Als kleiner Bub war er auch dabei, als die Gäste im fast fünf Kilometer von Stetten entfernten Prien nach ihrer Ankunft mit einem Leiterwagerl abgeholt wurden. Zu Fuß ging es dann in die Quartiere. Die Zimmer hatten nicht einmal fließend Wasser, dafür eine große Waschschüssel für kaltes Wasser zum Waschen. Viele Leute vermieteten damals, der Übernachtungspreis war 50 Pfennige bis eine Mark. Die Empfangs- und Abschiedsabende wurden immer in Prutdorf veranstaltet. Beim Baden ging es natürlich lebfrisch zu. Vorne an der Mauer war die Wassertiefe mit etwa zwei Metern bestens für mutige Schausprünge geeignet. Im hinteren Teil hielten sich die kleinen Kinder oder Erwachsene auf, die des Schwimmens nicht mächtig waren. In den Kriegsjahren 1942/1943 hörte sich das fröhliche Baden auf. Die KdF-Bewegung ging zu Ende, es kamen immer mehr Leute in die freien Quartiere, die in ihrer Heimat ausgebombt wurden. Nach dem Krieg kam eine Badehütte nach Rain und man gab dem „Nazi-Relikt“ keine große Wertschätzung mehr, zumal öffentlich gewettert wurde gegen die „nackerten Fremden“. Mehr und mehr wurden die Bestandsteile des Bades weggeräumt und 1947/1948 war das Atzinger Bad das, was es vorher schon war und heute noch ist: ein Löschweiher. In den 60er Jahren wurde ein Teil der Betonmauer abgetragen und das Bachbett tiefer gelegt sowie der Wasserspiegel gesenkt. Das öffentliche Bad-Becken hatte immerhin eine Größe von ca. 50 Metern Länge mal 25 Metern Breite. Bevor es das Bad gab, trafen sich die badelustigen Leute von Atzing und Umgebung gerne am Stettener Weiher. Als 1978 die Gebietsreform war und damals die ehemalige Gemeinde Wildenwart den Gemeinden Prien und Frasdorf zugeschlagen wurde, da gab es noch Forderungen nach einer Rekultivierung des Atzinger Moorbades – leider vergeblich. Heute schwimmen die Atzinger und Wildenwarter zum Teil im zeitgemäßen Prienavera oder in einem der vielen Seen im Chiemgau.

So hat das Atzinger Moorbad vor über 50 Jahren ausgesehen...

Zeichnung: Georg Müller, Atzing Repro: Hötzelsperger

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Stand: 26. September 2002