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Bayerischer Trachtenverband
Interview mit Bayer. Wirtschaftsminister Erwin Huber


Sehr geehrter Herr Wirtschaftsminister!


Der Bayerische Trachtenverband mit seinen 1.000 Heimat- und Volkstrachtenvereinen sowie mit seinen rund 250.000 jugendlichen und erwachsenen Mitgliedern hat viele Aufgaben zu erfüllen. 1983, als das 100jährige Jubiläum der Gründung des ersten Trachtenvereins in Bayern in München mit einem Trachtenfest der besonderen Art gefeiert wurde, sagte der damalige Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß: „Bayerns Einmaligkeit liegt auch in der Vielfalt der Trachten begründet“. Nun feiern die bayerischen Trachtler im Jahr 2008 ihr 125jähriges Jubiläum und wollen dies zum Anlass nehmen, mit Ihnen einen Dialog zur Ermittlung des heutigen Stellenwertes der Trachten in Bayern führen. Aus diesem Grunde dürfen wir folgende Fragen an Sie richten:


1. Welchen Stellenwert messen Sie der Heimat- und Trachtenpflege in der heutigen Zeit wo Schulen aufgelöst, Pfarreien zusammengelegt, Wirtshäuser geschlossen, Bauernhöfe aufgegeben und zentrale Einkaufszentren geschaffen werden, grundsätzlich bei?

Huber:
Heimat- und Brauchtumspflege und damit auch die Trachtenpflege sind in der heutigen Welt gerade wegen der Globalisierung wichtiger denn je. Nur wer seine Wurzeln und seine Traditionen kennt, liebt und bejaht, ist in der Lage, die Herausforderungen in einer täglich sich verändernden Welt zu meistern. Umso wichtiger ist es, mit dem Bayerischen Trachtenverband ein äußert rühriges und aktives Sprachrohr für diese Belange neben sich zu wissen. Die Tracht als Bekenntnis zur Heimat und zu ihren Wurzeln gibt den Menschen einen vertrauten Raum und bringt gute Kräfte zur Entfaltung. 

2. Der immer wieder gehörte Grundsatz, dass sich Laptop und Lederhose vertragen müssen, welche Rolle spielt dieser bei Entscheidungsfindungen auf „höchster“ Ebene?

Huber:
Laptop und Lederhose vertragen sich in Bayern nicht nur, sie ergänzen einander. Das bayerische Selbstverständnis und das daraus resultierende Selbstbewusstsein sind wichtige Grundlagen, um den Weg zum modernen High-Tech- und Dienstleistungsstandort so erfolgreich beschreiten zu können. Unsere Wirtschaft ist hervorragend auf den Weltmärkten positioniert. Wir sind internationale Technologiehochburg und Chancenland für Unternehmensgründer. Wir sind Wachstumsspitzenreiter unter den Ländern. Gleichzeitig stehen wir unverrückbar zu den humanistisch-christlichen
Grundwerten unseres Gemeinwesens. Wir lieben unsere Heimat im besten Sinne eines wohlverstandenen Patriotismus. Wir pflegen Traditionen, bringen sie den Menschen nahe. Wir sind fest in den Werten, modern in den Wegen und menschlich im Handeln. Deshalb ist Bayern wirtschaftlich erfolgreich und zugleich lebens- und liebenswert. Laptop und Lederhose wird in Bayern tagtäglich gelebt – und zwar nicht nur auf „höchster“ Ebene. Genau so wichtig ist, dass diese Philosophie auf örtlicher und regionaler Ebene umgesetzt wird.

3. Das bayerische Brauchtum kam im Vorjahr bei der Fußball-WM- Eröffnung zu großen weltweiten und öffentlichen Ehren. Könnte diese globale Anerkennung auch für zukünftige Präsentationen Bayerns im eigenen Land oder im Ausland eine Signal-Wirkung gehabt haben?

Huber:
Was Christoph Stückl und Sepp Lausch damals in der Allianz Arena inszeniert haben, war Klass. Ich habe es vor Ort im Beisein ausländischer Wirtschaftskapitäne genossen. Deren positive Reaktion - aber auch die Stimmen danach - haben mir wieder einmal gezeigt, dass das Deutschland-Bild im Ausland sehr von Bayern geprägt ist. Gerade deshalb greifen wir bei den Präsentationen Bayerns im In- und Ausland seit jeher bewusst auf authentisches Brauchtum und Tracht. Das verleiht diesen Festen zusätzlichen Charme und Attraktivität. Darüber hinaus gibt es natürlich auch bei uns eine Vielzahl von Veranstaltungen zur Brauchtumspflege, die ich wärmstens ans Herz legen kann. So z.B. das Herbsttreffen niederbayerischer Tänzer, Musikanten und Sänger in Windberg. Es findet Ende Oktober zum nun schon 34. Mal statt. Niederbayern bietet dabei einen Superlativ: Mit über 100 verschiedenen Tanzformen gibt es bei uns die reichste Tanzüberlieferung in ganz Deutschland. Stolz bin ich natürlich, dass in meinem Stimmkreis mit dem Trachtenverein Hinterskirchen einer der erfolgreichsten und größten Vereine der Brauchtumspflege daheim ist. Und das neue Haus der Bayerischen Trachtenkultur in Holzhausen ist ebenfalls in meiner niederbayerischen Heimat. Ich werde es gut begleiten und fördern.

6. Wo könnten Sie sich Verbesserungen in der öffentlichen Darstellung der Heimat- und Brauchtumspflege vorstellen oder haben Sie Wünsche an die Verantwortlichen des Bayerischen Trachtenverbandes für deren Aufgabenerfüllung?

Huber:
Der Bayerische Trachtenverband und die vielen ihm angeschlossenen Heimat- und Trachtenvereine leisten für die Brauchtumspflege in unserem Land eine großartige Arbeit. Besonders wertvoll finde ich die Jugendarbeit. All das sollte man meiner Meinung nach der Öffentlichkeit noch verstärkter vermitteln. Dass zum Beispiel der Heimat- und Trachtenbote künftig komplett in Farbe erscheinen wird, ist ein Schritt dahin. Ebenso ist es wichtig, die Bedeutung der Belange der Heimatpflege im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten. Dabei darf man jedoch nie den Blick für das Neue verschließen. Denn gerade damit kann man erfolgreich den Eindruck vermitteln, dass die Pflege altehrwürdiger Traditionen alles andere als eine rückwärts gewandte Weltsicht darstellt.

7. Oft wird die echte Volksmusikpflege mit dem kommerziellen Bereich des Volkstümlichen verwischt und verwechselt. Welche Fördermöglichkeiten der echten Volksmusik gibt es aus Sicht des Wirtschaftsministeriums? 

Huber:
Als Wirtschaftsminister bin ich natürlich froh, dass die volkstümliche Musik bereits seit längerem boomt und für die in Bayern so starke Medienbranche ein wichtiger Geschäftsbereich ist. Aber in der echten Volksmusik liegen die Wurzeln. Sie ist ein Stück bayerische Tradition und Identität. Das zu fördern ist eine bedeutende Aufgabe der Staatsregierung. Der bayerische Wissenschaftsminister, in dessen Zuständigkeit die Brauchtums- und Volksmusikpflege liegt, hat für deren Belange immer ein offenes Ohr. Selbstverständlich unterstützt auch das Wirtschaftsministerium die Volksmusikpflege, wo immer sich Ansatzpunkte bieten. Ich denke dabei zum Beispiel an die bayerischen Abende bei den Auslandsreisen, an die Einbindung in die Tourismuswerbung oder auch an die Aktion „Musikantenfreundliches Wirtshaus“ des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes.

8. Sie haben sich bereits einen persönlichen Eindruck vom Haus der Bayerischen Trachtenkultur in Holzhausen gemacht. Was können Sie von Ihren Eindrücken mitteilen nachdem im ersten fertigen Bauabschnitt der Grundsatzreferent der Bayerischen Trachtenjugend dort seine Arbeit aufgenommen hat?

Huber:
Mit dem Haus der bayerischen Trachtenkultur entsteht ein Kristallisationspunkt für die Heimat- und Brauchtumspflege. Er wird auf ganz Bayern ausstrahlen und einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung unseres reichen Erbes leisten. Ich bin sehr beeindruckt vom vorbildlichen ehrenamtlichen Engagement und der großartigen Leistungsbereitschaft, die die Mitglieder des Trachtenverbands hier an den Tag legen. Ich wünsche dem Verband, dass er alles, was er sich für dieses Zentrum vorgenommen hat, erfolgreich verwirklichen kann.

9. Dürfen wir Sie einmal zu einem Gedankenaustausch mit allen Gau- und Bezirksvorständen sowie mit den Leitern der verschiedenen Sachgebiete bei einer der nächsten Jahrestagungen einladen oder mal mit Repräsentanten unseres Verbandes zu Ihnen kommen?

Huber:
Ich würde mich über eine Einladung zur Jahrestagung sehr freuen. Gerade als Vorsitzendem der großen Volkspartei in Bayern ist es mir ein wichtiges Anliegen, einen engen Kontakt mit dem Bayerischen Trachtenverband zu pflegen. Da kann ich auf eine lange Tradition aufbauen.

10. Innerhalb der Bayerischen Staatsregierung beziehungsweise in der CSU hört man immer wieder von einer Findungs- und Programm-Kommission. Soll Ihrer Ansicht nach der Stellenwert der Musik-, Mundart-, und Brauchtumspflege in den gesellschaftlichen Strukturen der Zukunft stärker verankert werden und wenn ja, in welcher Weise?

Huber:
Heimat- und Brauchtumspflege sind in Bayern Gott sei Dank in allen gesellschaftlichen Schichten tief verwurzelt. Dennoch ist es stets eine große Herausforderung, unser kulturelles Erbe zu bewahren und insbesondere den kommenden Generationen weiterzuvermitteln. Ich denke hier insbesondere auch an die Schulen und Kindergärten, die sich dieser bedeutsamen Aufgabe verstärkt widmen sollten. Gerade was die Pflege der Volksmusik und der Mundart anbelangt, besteht hier sicherlich noch weiterer Handlungsbedarf. Dass unsere Kinder verstärkt und früher an internationale Sprachen herangeführt werden, ist wichtig und richtig. Aber das muss Hand in Hand gehen mit dem Pflegen des Bayerischen. Denn unsere Mundart hat nicht nur Tradition, sie ist sympathisch. Wer den Erfolgsfilm „Wer früher stirbt, ist länger tot“ gesehen hat, weiß vom speziellen Charme unserer Sprache.

Mit besten Grüßen
i. A. von Landesvorsitzendem Otto Dufter
Ihr
(Anton Hötzelsperger)
Pressesprecher des Bayerischen Trachtenverbandes
und Leiter des Verkehrsamtes Samerberg (www.samerberg.de) 

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Stand: 20. Oktober 2007