derChiemgauer.de

Chronik Schleching
zurück nach Schleching

Die Geschichte von Schleching

Bronzefunde am Streichen, ein Meißel, eine Sichel, eine Kugelkopfnadel und Teile einer Fibel, aus der späten Bronzezeit, der sog. Urnenfelderzeit um 1000 - 800 v. Chr., sowie der spätere Fund einer gut erhaltenen Bogenfibel aus den Jahren 700 - 650 v. Chr. in Ettenhausen beweisen, dass die höher gelegenen, also hochwasserfreien Gebiete des Schlechinger Tales schon in prähistorischer Zeit, also zur Zeit der Illyrer und Kelten, wichtige Übergänge bzw. schon vereinzelte Siedlungsplätze waren, auf die auch viele keltische Flurnamen hinweisen.

Die Römer folgten gewöhnlich den Keltenwegen. So überrascht uns nicht, dass in letzter Zeit im benachbarten Tiroler Leukental, nämlich in Kirchdorf und Kössen, unter dem Kirchenpflaster die Grundmauern römischer Häuser gefunden wurden. So waren für die Römer die Saumwege auf den Höhen beiderseits der Ache, im Osten über den Streichen und im Westen über den heutigen Schmugglerweg, wichtige, v.a. die kürzesten Übergänge von Süden nach Norden, z.B. noch der römischen Siedlung Bedaium, dem heutigen Seebruck am Chiemsee.

Die geschlossene Besiedlung des Schlechinger Raumes erfolgte dann in der fränkischen oder karolingischen Zeit, etwa im 8./9. Jahrh., als die Franken gegen Osten zogen und die Bajuwaren — zuletzt von Herzog Tassilo III. regiert — unter ihre Herrschaft brachten. Anhaltspunkte dafür liefern uns die fränkischen Kirchenpatrozinien St. Remigius in Schleching und St. Martin in Unterwössen, sowie der ursprüngliche Name des echten „-ing-Ortes“ Schleching:

„Slehingin“ Demnach war Schleching die Siedlung der Leute des „Sleho“. Erste urkundliche Notizen stammen aber erst aus jener Zeit, in der schon die Grafen von Hohenstein und Marquartstein mit ihren adligen Dienstmännern (Ministerialien) das Achental beherrschten, und im benachbarten Leukental (vom Streichen bis zum Paß Thurn) das einflussreiche Geschlecht der Lechsgemünder große Besitzungen hatte.

Zwischen 1114 und 1184 tauchten die Namen der Edlen von Raiten, Mettenhorn und vorn Streichen auf (Streichen, Strichen, strictus = Saumweg). Wir wissen, dass die Streichenritter mehrmals in den Jahren 1160/84 als Siegelzeugen auftraten. Sie lebten auf der Streichenburg auf dem heute noch so genannten Schloßberg oberhalb der Streichenkirche. Herr „Hartwicus de Strichen“ wurde 1184 im Kloster Raitenhaslach bei Burghausen begraben, und sein jüngerer Bruder Chuno kam im dritten Kreuzzug mit Kaiser Friedrich Barbarossa „auf dem Weg zum Hl. Grab“ ums Leben. Auch im Ort Schleching selbst musste ein höher gestelltes Geschlecht gelebt haben, da im Jahre 1190 der Sohn eines Walthers „de Slehingin“ als Siegelzeuge in einer Vertragsurkunde genannt wird. In Schenkungsurkunden der Klöster Baumburg bei Altenmarkt und St. Peter in Salzburg, sowie vom Domkapitel Salzburg aus der Zeit von 1122 -1147 wird der Ort „Slehingin“ zum ersten Mal erwähnt. Wir erfahren darin, wie manche Schlechinger Höfe durch Schenkung an die Klöster Baumburg, St.Peter und an die Kirche von Salzburg kamen.

Die Geschichte Schlechings ist somit auch die Geschichte seiner Höfe, deren Hofstätten im Marquartsteiner Grundbuch von 1569/84 in der Regel so beschrieben wurden: „Am zwifach erzimerte Behausung mit Ainem Anhengig stadl stallung vnd dennen Am Padtstubn ... Ain Pachoven Dazu gehörten noch das „einzeinte Angerl“, der Krautacker, Obstgarten, die Felder in den Gewannfluren, die Wiesmähder und die Alm.

Als unfreie Bauern waren die meisten bis Anfang des 19. Jahrhunderts Grunduntertanen des bayerischen Herzogs und des Salzburger Erzbischofs mit seinem Domkapitel. Weitere Grundherren waren die Klöster Herren- und Frauenchiemsee, Baumburg, Scheyern, St. Peter in Salzburg, die Kirchen Grassau und Schleching. Die Zugehörigkeit zu den einzelnen Grundherrenschaften und viele der Hausnamen hatten sich über 600 Jahre kaum verändert. Familiennamen, die im ältesten Salzburger Urbarium aus dem Jahre 1385 auftauchten, — wie Graf, Haider, Pilzl, Huefl — sind uns heute noch als beim Hof gebliebene Hausnamen erhalten. Durch mehrmalige Teilungen sind aus den im 13. Jahrhundert vorhandenen Gütern bis 1435 die sämtlichen 60 größeren Höfe, meist halbe Lehen, entstanden, die heute fast noch alle vorhanden sind. Um 1550 kam es mit herzöglicher Genehmigung nochmals an den Dorfrändern, z. B. in der Ettenhausener Au oder Frey mit dem Weber, Kohler, Zimmermeister usw., in Raiten mit der Hammerschmiede und in Mühlau mit der Mühle und anderen Gütln, durch sog. „Auffangen“ kleinerer Gütl mit handwerklichem Nebenbetrieb zu einer Erweiterung, so dass bis 1584 die Zahl der Anwesen im Bereich der heutigen Gemeinde auf rund 70 stieg. Kleinere Anwesen erhöhten bis Anfang des 18. Jahrhunderts die Zahl der besteuerten Anwesen auf über 70, welche sich nach der Steuerliste von 1828 auch noch im 19. Jahrhundert nicht mehr veränderte. Seit dem 13. Jahrhundert standen alle Güter unter der weltlichen Obrigkeit des Herzogs, dessen Pfleger auf der Marquartsteiner Burg (Kastenamt) von den Bauern 2/3 des Zehents einhob. Der Pfarrer von Grassau erhielt 1/3 des Zehents, dazu kamen noch die jährlichen Abgaben an die jeweiligen Grundherren. So hatten die Schwaighöfe jährlich 300 Käslaibe abzuliefern, und etliche Schlechinger Weinzinser“ mit „ Weinsaumdienst“ z.B. der Pölzn, Schmiedbauer u.a., mussten der Salzburger Grundherrschaft jährlich ein „Saum“ Bozener Weine abliefern. Ein Saum war die maximale Last eines Pferdes. Die Schlechinger „Samer“ nämlich transportierten im Mittelalter über die Saumwege beiderseits der Ache auf ihren Rössern mancherlei Güter wie Salz und Wein. Deshalb wohl verlieh der Herzog jedem Bauern im Haidenholz- und Roßalmgebiet das Almrecht für sechs Rösser.

Zusätzlich zu den Abgabepflichten hatten die Bauern auch Gemeinschaftsarbeiten (Scharwerk) zu verrichten: So mussten die Schlechinger und Raitener für die Marquartsteiner Burg die Dachschindeln machen, und wenn das Hochwasser die Marquartsteiner Dorfbrücke wegriss, was bis ins 20. Jahrhundert immer wieder vorkam, mussten die Schlechinger für die neue hölzerne „Pruggn“ einige Joch schlagen.

Überlieferungen, Sterbebücher und Pestkreuze (diese wahrscheinlich aus der Zeit des 30-jährigen Krieges) berichten auch von harten Zeiten, von Kriegsnot und Tod. Bauernsöhne, wie Thomas Bachmann vom Peterergut am Achberg, gefallen im Jahr 1705, kämpften als Gebirgsschützen der bayerischen Landfahne im Spanischen und österreichischen Erbfolgekrieg, an den uns noch der Kroatensteig am Taubensee, früher als „ Tolpatschenweg“ bezeichnet, den österreichischen, kaiserlichen Soldaten als Übergang ins Achental dienend, erinnert. 200 Jahre früher (1505) sollen im Kampf gegen Kaiser Maximilian bei Grassau 350 Angehörige des Landaufgebotes, darunter wohl auch Schlechinger, umgekommen sein. Aus der Napoleonzeit (1809) wird uns auch von Übergriffen Tiroler Freiheitskämpfer berichtet.

Große Bewegungen brachten schließlich die beiden Weltkriege in die Schlechinger Bevölkerung. Die Einwohnerzahl von 655 im Jahre 1855 erhöhte sich mit starken Schwankungen zwischen 1925 und 1935 auf nur 834 im Jahre 1941. Bis Kriegsende und in die Nachkriegszeit stieg jedoch die Zahl trotz sehr vieler Gefallener wegen der Aufnahme von Evakuierten und Heimatvertriebenen rasch von 834 auf 1300 und sank wegen der Landflucht 1965 wieder auf 1200.

Die früher vorwiegend bäuerliche Bevölkerungsstruktur unteliegt heute einem starken Wandel. Die drastische Abnahme landwirtschaftlicher Betriebe und die lebhafte Bautätigkeit bei wachsendem Fremdenverkehr führten zu einer wirtschaftlich-sozialen Umschichtung und zu einer spürbaren Überfremdung. 1973 zählte Schleching bereits 1533 Einwohner. 1980 hatten schon 1741 Menschen ihren Hauptwohnsitz und 210 ihren Nebenwohnsitz in der Gemeinde Schleching. Die entsprechenden Zahlen liegen heute (1995) bei rund 1750 und 500.

Seit alters her ist die Schlechinger Kirche eine der 12 Filialkirchen der „Mutterpfarrei“ Grassau gewesen, hatte somit seit jeher zum Erzbistum Salzburg und damit seit 1512 zum Bistum Chiemsee, das sich bis zum Paß Thurn südlich von Kitzbühel erstreckte, gehört. Erst im Jahre 1817 kam unser Gebiet zur Erzdiözese München-Freising.

Im Jahre 1709 wurde Schleching zur Kuratie und 1921 zur selbständigen Pfarrei erhoben. Schließlich wurde 1995 die Pfarrei in den Pfarrverband Marquartstein eingegliedert. Der schon um das Jahr 1700 baufällige, aus dem Mittelalter stammende Kirchenbau wurde abgerissen und 1735 neu erbaut unter der Mithilfe des verdienten, 1736 zum Probst des Augustiner­Chorherrenstiftes Herrenchiemsee gewählten, Ettenhausener Bauernsohnes Floridus Rappl.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden unter Pfarrer E. Pichler alle drei zur Pfarrei gehörenden Gotteshäuser renoviert. Die Raitener Marien-Wallfahrtskirche, die Schlechinger Pfarrkirche, deren erneute, umfassendere Außen- und Innenrenovierung unter Pfarrer S. Wieser 1983 begann und 1993 zum Abschluss kam, und vor allem die Streichenkirche. Diese im Bereich der urkundlich erwähnten Tingstätte unterhalb des Schlossberges gelegene spätgotische Kirche wurde möglicherweise schon im 9. Jahrhundert als Kapelle angelegt. Zur Zeit der Streichenritter im 12. Jahrhundert als Burgkapelle und später als Servatius-Wallfahrtskirche dienend ist sie mit ihren einzigartigen, 1954 freigelegten, aus der Zeit um 1440 stammenden Wandmalereien ein außergewöhnliches Zeugnis mittelalterlicher Kirchenkunst und der darin zum Ausdruck kommenden Frömmigkeit in jener Zeit.

Hartmut Rihl

 

derChiemgauerreport     kleinanzeigenreport      werberingreport 
copyright by friedrich wilhelm   83209 prien am chiemsee    dickertsmühlstrasse 24    Tel.: 08051/63344

Stand: 26. September 2002