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Historisches

Hutmacher heißt in Aschau in achter Generation Martin Bliemetsrieder
Besuch in der Werkstatt und Blick hinter die Familiengeschichte

Aschau (hö) 31.05.02 -  Auf der Hut sein heißt es bei handwerklichen Berufen, wenn es darum geht, mit dem erlernten Können den Geschmack der Kundschaften zu treffen. Dies gilt in ganz besonderer Weise auch bei einem Hutmacher. Nur noch selten ist diese alte Art der Handwerkskunst vorzufinden. Einen Einblick in die Aufgaben eines Hutmachers und zugleich einen Blick hinter die damit verbundene, lange Familiengeschichte gewährte uns dieser Tage der Aschauer Hutmachermeister Martin Bliemetsrieder. Angetroffen haben wir ihn in seinem Geschäft in Niederaschau zwischen den Besuchen von Trachten- und Handwerkermärkten.

„Jeder Hut aus unserem Hause ist ein Unikat, das individuell hergestellt wird. Bei der Herstellung gibt es keinerlei maschinelle Abkürzungen“, mit diesen ersten Informationen macht Bliemetsrieder deutlich, dass die Arbeit noch sehr zeitaufwendig und mit viel Fingerfertigkeit vonstatten geht. Die lange Haltbarkeit der Hüte und die Konkurrenz von ganzen Hutfabriken machen es nicht gerade leichter für einen Hand-Arbeiter. Da kommt es schon manchmal vor, dass die Auftragslage etwas hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Aber darum ist dem Aschauer nicht. Im Gegenteil: er will Aufträge eh nur annehmen, wenn sie von ihm selbst schaffbar sind und im Winter betätigt er sich gerne noch als Skilehrer. Trotzdem gibt es ein reichhaltiges Kommen und Gehen in der Hutmacherwerkstatt im Laufe des Jahres. Ob Musikkapellen, Trachtenvereine oder einzelne Leute: ein schöner und oft zur Tracht in gleicher Fertigung passender Hut ist immer wieder gefragt. Zu den Kundschaften gehören auch die Schiffleute vom Inn oder Xaver Wandinger vom Trachten-Informations-Zentrum des Bezirkes Oberbayern in Benediktbeuern. Bis nach Amerika sind manche der in Aschau hergestellten Hüte schon gewandert. Auf die Frage, wie vielerlei Hüte es gibt, legt Martin Bliemetsrieder los: „Die Auswahl gibt es  zwischen Aschauer Velourshut, Preaner Hut, Miesbacher Hut, Dachauer Hut, Gebirgsschützen-Hut, Tegernseer Hut oder Stopsel-Hut“. Nach Bildern und Vorlagen sowie nach den Erfahrungen der bisherigen Jahre werden die individuellen Stücke gefertigt, zuweilen auch mal in Übergrößen bis zu den Kopf-Nummern 63 oder 64. Das Material ist entweder einfacher Wollfilz mit unterschiedlichen Abstimmungen von weich bis grob, ein feiner Haarfilz oder ein hochwertiges Velours. Die Arbeitsvorgänge sind das Dämpfen des Hutmaterials über einer Holzform, die trockene Weiterverarbeitung, das mit der Hand zu erfolgende Vernähen und das Anbringen der Kordeln und Bänder. Die Werkzeugvielfalt ist nicht so groß wie die mögliche Hutsortenvielfalt. Mit einem gewöhnlichen Bügeleisen als Dampferzeuger, mit einem kleinen Hammer und mit dem Nähzubehör ist der Hutmacher bereits voll arbeitsfähig.

Bliemetsrieder seit 225 Jahren in Aschau ansässig – eine kleine Familiengeschichte

Martin Bliemetsrieder ist eine namentliche Institution in Aschau. Erstmals taucht der Name 1777, also vor 225 Jahren in Aschau auf. In der achten Generation ist ein Martin als Hutmacher registriert. Ob Sohn Martin als derzeitiger Orthopädie-Mechaniker einmal in die Fußstapfen seines Vaters und seiner Vorfahren steigen wird, ist noch offen. Martin Bliemetsrieder senior will ja selbst noch so lange Hand anlegen, wie er die Nadel halten kann. Und für zwei Männer reicht es wohl nicht, was an neuen Hüten benötigt wird. Deshalb bleibt die Familie Bliemetsrieder vorerst gelassen, wenn es um den Blick nach vorne geht. Interessant ist in jedem Fall ein Blick zurück in die Geschichte. Der Chiemgau-Zeitung vom 28. September des Jahres 1925 kann diesbezüglich eine Information entnommen werden. Damals erschien unter Niederaschau folgender Artikel: „Man schreibt uns: In denselben Tagen, in denen die Gutsherrschaft zu Hohenaschau ihr 50jähriges Besitzjubiläum feiern kann, begeht ein bekannter Bürger Niederaschaus, Martin Bliemetsrieder, die 100. Wiederkehr des Tages, an dem sein Vorfahr das heute noch bestehende Hutmachergeschäft erwarb. Um das Jahr 1777 war ein Winzersohn aus der schwäbischen Reichsstadt Heilbronn, Georg Oder, nach Niederaschau gekommen, hatte sich dort verheiratet, und war der erste Hutmacher in dem kleinen Orte geworden. Am 13. April 1795 war er gestorben und zwar mit Hinterlassung von vier Töchtern aus seiner zweiten Ehe mit der Niederaschauer Baderstochter Theres Ladner. Schon im Oktober desselben Jahres hatte letztere in zweiter Ehe den Annton Friedbichler, Hutmachersohn aus Berchtesgaden geheiratet, der dann bis zu seinem Tode am 3. Dezember 1824 das Geschäft geführt hatte. Bald darauf, am 17. Oktober 1824, ehelichte der Großvater des jetzigen Besitzers, Martin Bliemetsrieder, Bauernsohn aus Engendorf bei Niederaschau, aus einer Familie, die schon seit 1600 in der Gemeinde Frasdorf nachweisbar ist, die Tochter Anna des Georg Oder, nachdem ihm schon am 8. Oktober das Geschäft und das damit verbundene Anwesen übergeben war. In zwei Jahren kann also die Firma ihr 150jähriges Geschäftsjubiläum feiern. Der jetzige Inhaber, Herr Martin Bliemetsrieder, ein um die vaterländische Sache hochverdienter Mann, hat sich im Weltkrieg bei der Eroberung von Warschau ausgezeichnet“. Soweit die Chiemgau-Zeitung aus dem Jahre 1925 zur Familien-Geschichte der Hutmachers-Leute Bliemetsrieder von Niederaschau.

Anton Hötzelsperger

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