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Historisches

Der Rechenmacher - eine menschliche Rarität mit handwerklichem Geschick
Besuch beim Venis-Bauern in Grainbach am Samerberg

Andreas Linder in seiner Werkstatt beim RechenmachenZu den raren handwerklichen Fähigkeiten im landwirtschaftlichen Bereich zählt immer mehr der Rechenmacher. Die fortschreitende Technisierung und großflächige Maschinenbearbeitung der Felder einerseits und die maschinell günstigere Herstellungsart andererseits lassen diese Handwerksbezeichnung fast gänzlich verschwinden. Bei der Suche nach einem geeigneten Rechenmacher werden wir in Bergen, Bernau, Bad Endorf und Siggenham bei Prien auf ehemalige, aber nicht mehr aktive Rechenmacher-Adressen fündig. In Grainbach am Samerberg findet sich dann mit Andreas Linder noch ein Mann und Bauer, der sich auch heute noch der Holzbearbeitung im Sinne eines Rechenmachers betätigt.

Einige RechenNebenerwerb ist es nur in sehr geringem Umfang. Vielmehr ist es das Festhalten an einem einmal erlernten Können. Schließlich war auch der Vater schon beim Venis-Anwesen in Grainbach-Oberdorf ein Bauer und Rechenmacher. Und so ganz freiwillig will sich Andreas Linder auch nicht zurückziehen. "Als Beruf ist der eines Rechenmachers nicht zu bezeichnen, eher eine Fertigkeit" sagt Andreas Linder zu Beginn eines Gespräches in seiner kleinen Werkstatt. Diese ist geradeso bescheiden wie er. Nur mit wenigen einfachen Ausstattungen kann Andreas Linder seine Arbeit angehen. Wie sein Vater so beschäftigt auch er sich gerne mit Holz mit Teil-Aufgaben eines Wagners oder eines Drechslers. In seinem "wirklichen Berufsleben" ist Linder ein Betonbauer und darüberhinaus pflegt er zusammen mit seiner Familie das bäuerliche Leben mit einer kleinen Landwirtschaft. Das Drechseln ist -wie er gerne sagt- keine Zauberei, sondern reine Übungssache. "Die Tricks und Kniffe kann man lernen, dann ist alles ganz einfach" -so Andreas Linder, der für seine Werkstatt-Arbeit keinen Gesellen- oder Meisterbrief braucht.

Rechenzähne mit dem Feierabend-HutMit Holz lassen sich auch in der kleinen Werkstatt von Andreas Linder vielerlei Erzeugnisse fertigen. Stiele für Sensen oder für andere Werkzeuge, Möbelknöpfe, Tischhaxen, Balkonteile und Stiegensprossen sieht man und zugleich erkennt man die Vielfalt des Könnens von Andreas Linder. Aber Rechen sind ihm das liebste Produkt. Schließlich gibt es von ihnen eine ganze Anzahl an unterschiedlichen Arten. Neben einem normalen Heu-Rechen kennt man den breiten und doppelten Getreiderechen, den nicht so breiten, aber dafür stärkeren Laubrechen und wenn es Jemand mag den lieblichen Kinder-Rechen. Eine gute Stunde Arbeit macht ein einfacher Rechen. Mit Schnitzel-Messer, Rundstab-Hobel und Drechsel-Eisen arbeit der Venis-Bauer in seiner Werkstatt. Während der Rechen selber aus Ahorn-Holz gemacht wird, wird für die Rechen-Zähne ein ausgesuchtes Eschen-Holz verwendet. "Die Zeit für den Preis eines Rechens darf man nicht rechnen" sagt Andreas Linder, der sich mit rund 25 Mark für ein einfaches Stück auch in der Preisgestaltung bescheiden gibt. "Gegen die Massenproduktion kann und will ich nicht an." Diese ist für Andreas Linder auch der Grund, dass man immer weniger Rechenmacher im Chiemgau findet. Ihm selbst ist der nächste Rechenmacher erst im Bayerischen Wald bekannt. "Vielleicht gibt es den einen oder anderen Bauern, der seine Rechen auch noch selbst macht, aber nachdem wir kein eigenständiger Berufsstand sind, gibt es hierüber auch keine offizielle Übersicht" sagt Andreas Linder. Er wird auch weiterhin Rechen und hierüber keine Rechnung aufmachen. Gut, dass es in Grainbach am Samerberg noch eine solche Gesinnung gibt. Denn damit gibt es auch noch die Möglichkeit, handgefertigte Rechen zu bekommen.

Text und Fotos:
Anton Hötzelsperger

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