Historisches
Georg Wörndl von
Schlechtenberg war einer der letzten Säumer in den Chiemgauer Bergen und
jahrzehntelang auf der Möslarn-Alm
Erinnerungen seiner Witwe Maria
Aschau
(hö) 09.06.02 - Das Saumwesen früherer
Zeiten mit damals noch anderen Straßen- und Handelsverhältnissen war im
Chiemgau weit verbreitet. Am bekanntesten sind die Samer vom Samerberg, die
vielfach und in größerer Zahl Salz von Bad Reichenhall, Wein aus Südtirol
oder weitere Waren zu den Schiffsleuten an den Inn lieferten. Zu Fuß und mit
den bepackten Pferden galt es unwegsame Wege über die Berge zu bewältigen.
Doch nicht nur die Samer vom Samerberg waren unterwegs.
Im Priental und vor allem im Kampenwandgebiet diente unter anderem auch der
Bauerssohn Georg Wörndl lange Jahre als einzelner Säumer den Hütten und
Leuten auf den Bergen. Bei einem Gespräch mit der Witwe Maria Wörndl im
Aschauer Ortsteil Schlechtenberg erinnert sich diese an die Zeiten des Säumens.
Beim
„Boiz“, so wie das Bauernanwesen in Schlechtenberg mit Haus- und Hofnamen
genannt wird, besteht eine lange und innige Verbindung zur Landwirtschaft in den
Bergen. Die Bewirtschaftung der Möslarn-Alm nahe der Kampenwand-Bergstation lag
von 1936 bis zum Vorjahr in den Händen dieser Familie. Von 1958 bis 1986 war
Maria Wörndl mit ihrem Mann und ihren Kindern verantwortlich. Als Maria durch
die Hochzeit im Jahr 1946 vom nahen Pfaffing nach Schlechtenberg heiratete, da
war ihr Mann schon einige Jahre als Säumer unterwegs. Erst im Jahr 1958 als
Mutter Maria Wörndl starb und ihre Hilfe auf der Alm nicht mehr zur Verfügung
stand, gab der Säumer das Beliefern in die Berge ab. Es fiel ihm nicht leicht,
wie Maria Wörndl zu berichten weiß.
„Fünf
Stunden ging er von Schlechtenberg zur Klausenhütte im einfachen Weg, um dem
damaligen Hüttenwirt Theddy Metzler Proviant hinzubringen“, erzählt sie.
Drei Stunden waren es zum „Münchner Haus“ auf der Kampenwand. Wenn es recht
eng wurde, dann kam es schon vor, dass Georg Wörndl an einem langen Tag beide
Strecken hin und zurück bewältigte. Maria selbst musste beim Aufsäumen und
beim Beladen des Mulis mit Hand anlegen. Die meiste Zeit hatte Georg Wörndl
einen Muli als treuen und starken Weggefährten. Erst später sattelte er auf
ein Pferd um.
Alleine, am liebsten in Tracht und nie über Nacht
Seine Strecken ging er durchwegs alleine, am liebsten in seiner geliebten Tracht einschließlich weißem Hemd und fast bei jeder Witterung. „Mein Mann war ein richtiger Tierfreund, der sich bei und mit den Tieren ganz wohl fühlte“, erklärt Maria Wörndl die Beständigkeit der Doppelaufgaben von Säumen und Almbewirtschaftung. Über Nacht blieb er eigentlich nie bei seinen Touren, die in der Regel zwei- bis viermal in der Woche angetreten wurden. Ob Kampenwandgebiet oder hinüber zur Baumgarten- oder Klausenalm – überall wurde das vereinbarte Proviant und Material dringend gebraucht und Georg Wörndl wurde immer herzlich empfangen. „Trotz der kargen wirtschaftlichen Situation war es eine schöne Zeit. Aber es tut auch weh, wenn man heute sieht, dass wir nicht mehr auf der Möslarn-Alm sein können und dass der Landwirtschaft so arge Knüppel zwischen die Beine geworfen werden“, mit dieser Betrachtung spricht sie vor allem die heute in der Bauernarbeit betroffenen Familien an. „Zu unserer Zeit war jedes Gras- und Heubüschel gebraucht worden, heute wird nur noch mitgenommen, was die Maschinen erwischen“, so die ehemalige Almerin, die ihre Arbeit auf den buckligen Hängen noch mit der Hand zu erledigen hatte.
Der
Wehmut ist verständlich, wenn man weiß, dass Maria mit ihrer Familie vom
Beginn des Kampenwandbahn-Baues an
im Jahre 1957 dreißig Jahre lang vor der Übergabe an ihren Sohn Max und dessen
Frau Anne ganz nah an den Leuten am Berg waren. Auch in den Jahren nach der Übergabe
war sie gerne droben auf der Kampenwand. Doch nach dem Tod ihres Sohnes Max Wörndl
geht es jetzt nicht mehr. Viele Freundschaften sind im Laufe der Jahre
entstanden, viele Entbehrungen auf dem Berg galt es anzunehmen und mit
Nebeneinnahmen musste man sich behaupten. Das Säumen war die eine Seite der
Einnahmen. Im Winter kam für Georg Wörndl noch dazu, das er sich beim Staat 17
Jahre lang als Holzknecht verdiente. In diesem Zusammenhang erinnert sich Maria
Wörndl an schöne Erlebnisse von Georg Wörndl. „Besonders gefreut hat er
sich, wenn er von den Baronischen (Cramer-Klett) eingeladen war“, so ein
Beispiel. Überhaupt war ihr Mann ein heimat- und brauchtumsverbundener Mensch,
der auch Verantwortung für die Gemeinschaft übernahm. Als Vorplattler und
langjähriges Mitglied beim Hohenaschauer Trachtenverein „D´Griabinga“ und
als Obmann des örtlichen Bauernverbandes zeigte sich Georg Wörndl von seiner
gekonnten und geselligen Seite gleichermaßen. Vor zehn Jahren verstarb der „Boiz“
im Alter von 83 Jahren. Was geblieben ist, sind Erinnerungen an einen oftmals
einsam marschierenden Säumer in den Chiemgauer Bergen und an einen Menschen,
der die Geschichte der Möslarn-Alm auf der Kampenwand lange mitgeschrieben hat.
Repros:
Hötzelsperger