Historisches
Tracht als Ausdruck von Heimatliebe
und Handwerks-Kunst
Besuch bei Trachtenwartin Hildegard Dufter in Unterwössen
Unterwössen (hö) -
Sommerzeit ist vielfach im Chiemgau auch Trachtenzeit. Bei vielerlei Anlässen
wie Trachtenumzügen, Festveranstaltungen oder kirchlichen Ereignissen
ziehen die Mitglieder der Trachtenvereine ihr bestes Gewand, die Tracht
beziehungsweise die Festtracht an. Wenn man bei einem trachtlerischen Fest
oder bei einem kirchlichen Ereignis wie Erntedankfest die Leute mit ihrem
Trachtengewand sieht, dann beobachtet man zwar deren Farbtupfer, dem sie dem
festlichen Ereignis geben. Aber oftmals beachtet man nicht, dass gerade die
Tracht in ihrer vielfältigen Einzigartigkeit und wegen ihrer individuellen
Machart das Besondere an der sie tragenden Person darstellt. Das Tragen der
Tracht hat nichts mit einem Standesdenken oder mit einer Zugehörigkeit zu
den Gestrigen zu tun. Es ist gewollter und stolzer Ausdruck von Anhänglichkeit
zu seiner Heimat und zur Gemeinschaft eines Trachtenvereins..
Aber die Tracht ist auch
sichtbares Zeichen gekonnter Handwerks-Fähigkeit. Die Freude an der Tracht
ist gleichermaßen die Liebe zum Detail. Dies bezeugt ein Besuch bei
Hildegard Dufter. Sie nimmt sich wie viele Trachtenfrauen im Chiemgau der
Fertigung einzelner Trachtenstücke an, um sich selbst eine Freude zu
bereiten. Zuweilen ist das Anfertigen eines Trachtenstückes aber auch für
Geschenkzwecke begonnen worden; niemals ist es eine Tätigkeit, die
Verkaufs- oder Wirtschafts-Interessen dienen will.
Beim Besuch von Hildegard
Dufter, der Ehefrau des trachtlerisch umfassend tätigen Landesvorsitzenden
Otto Dufter, fällt schon der Wandschmuck und die Wohnzimmer-Gestaltung auf.
„Hier wohnt und lebt Jemand, der sich mit handwerklichem Geschick zu beschäftigen
weiß“ -kann man sich im Stillen sagen, wenn man in die Wohnung eintritt.
Als Gattin eines Landesvorsitzendem kommt sie natürlich viel in Bayern
herum. Und die Besuche bei den Festlichkeiten innerhalb der 17 bayerischen
Trachtengaue und Bezirke mit insgesamt 788 Trachtenvereinen bringen auch
immer wieder neue Anregungen ins Achental mit nach Hause.
Vom Drehrock bis zum
Kopfschmuck
Viel Geduld und
Fingergeschick sind notwendig, wenn man sich wie Hildegard Dufter an das
Anfertigen eines Trachtenstückes heranwagt. Genauso wichtig aber ist das
richtige Wissen von der Machart und vom Material. So zum Beispiel beim
Chiemgauer Quasten-Hut oder dem „Preaner Hut“. Die Rohlinge bekommt
Hildegard Dufter von der Priener Huterin Roswitha Rappel. Mit schwer
aufzutreibenden Goldfäden sowie mit feinen, kleinen und farbigen Glasperlen
macht sich Frau Dufter dann an die Ausarbeitung des Hutes. Wie die
Trachtenwartin des Chiemgau-Alpenverbandes für Tracht und Sitte zu erzählen
weiß, gibt es je nach Verein und je nach Stand der Frau (verheiratet oder
ledig) unterschiedliche Hüte. Einen persönlichen Wunsch hat sich Hildegard
Dufter in den letzten Jahren mit der Anfertigung einer Riegelhaube gemacht.
Diese Arbeit sah sie nach dem Besuch eines Kurses als persönliche
Herausforderung. Die Arbeiten macht sie am liebsten nach Feierabend, wenn
Ruhe im Haus einkehrt. Die Stunden, die man für einen Trachtenhut
verwendet, kann man nicht in dessen Gegenwert zum Ausdruck bringen. „Je
nach Art des Hutes, ob mit einfacher oder doppelter Quasten-Ausstattung, hat
dieser einen recht ansehnlichen, wenn auch mehr persönlichen Wert.“ -
sagte Hilde Dufter.
Nicht so teuer, aber nicht
weniger herausfordernd ist das Anfertigen von Drehröcken. Gerade die
aktiven Dirndl sowie der Nachwuchs aus den Trachtenvereinen, die sich beim
Dirndldrahn erfolgreich betätigen wollen, kommen gerne zu Hildegard Dufter
zur Beratung. Stoff, Maße, insbesondere Länge und das Bild, wie der Rock fällt,
liegt oder fliegt sind entscheidend. Aber nicht nur für die Dirndl ist die
Trachtenwartin da. Für die Buam macht sie schon mal gerne einen Hosenträger-Steg.
Das feine Aussticken mit den Buchstaben des Monogrammes gewährt ein persönliches
Trachtenstück. Loiferl- und Strümpfe-Stricken für die große
Trachtenfamilie ist immer wieder angesagt, denn mit einem neuen Paar
Plattler- oder Bundhosenstrümpfe kommt Freude auf. „Beim 100jährigen
Jubiläum unseres Unterwössener Trachtenvereins haben wir uns mit einer größeren
Frauengemeinschaft zum Stricken zusammengetan. Die damalige Begeisterung hat
sich bis heute gehalten. Das Erlernte Können wird nämlich gerne wieder
angewendet oder an jüngere Frauen weitergegeben“ sagt Hildegard Dufter
mit Stolz. Überhaupt schätzt sie jedes einzelne Trachtenstück als
Ergebnis wichtiger Beschäftigung. „Schuhe, Lederhosen und Joppen sind
genauso Ausdruck hoch-qualifizierter Handarbeits-Kunst. Man muß sich nur
das Trachtengewand genau anschauen, dann wird man den handwerklichen
Reichtum an den Frauen, Männern und Kindern entdecken!“ - mit diesem
Wunsch von Hildegard Dufter verabschieden wir uns von ihr. Und sie kann
wieder an ihre feine Arbeit zum Wohle der Trachtensache gehen.
Anton Hötzelsperger
Foto: Hötzelsperger