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Im Chiemgau gesehen

Wie es vor gut 340 Jahren zwischen Aschau und Wildenwart bald zu einem Krieg an der Prien-Brücke bei Dösdorf kam
Wildenwarter stürmten die Brücke und feierten Waffen-Eroberung

Aschau/Wildenwart (hö) 24.08.02 -  Kaum zu glauben: zwischen Aschau und Wildenwart hätte es beinahe einmal Krieg gegeben. Dies ist Gerichts-Unterlagen zu entnehmen, die in Kopie beim Aschauer Heimat- und Geschichtsverein aufbewahrt werden. Die gut 340 Jahre alten Dokumente stammen aus dem ehemaligen Hauptsstaatsarchiv zu Landshut und waren dort  in der Akte „Wildenwart“ abgelegt. „Baron Schurfisches Hofmarkgericht gegen Graf Preisingisches Hofmarkgericht punkto jurisdiction de Anno 1660“ – so der Titel.. Die Ursache zu der damals ernsten Kriegsgefahr bildete die Brücke über die Prien bei Dösdorf.

Das aus dem Priental kommende Flüsschen Prien war Grenzfluß zwischen Wildenwart und Aschau. Die Brücke als Verbindung zwischen den beiden Ländern hatte somit eine wichtige Funktion. Die Instandhaltung der Brücke war selbstverständlich mit Kosten verbunden. Beide Angrenzer wollten gleichermaßen die Weg- und Zollrechte, aber keine Verpflichtungen für den Unterhalt des Bauwerkes leisten. Im Jahr 1679 wurden erste Unterhandlungen geführt, die sich wiederum auf Aufschreibungen aus dem Jahre 1547 berufen. Darin heißt es unter anderem: „Zu Dösdorf in Wildenwarter Gericht gelegen fließt Wasser, die Prien genannt. Darüber hat es vor Jahren keine Prukh, sondern nur Steg gehabt. Dieselben Steg haben zween besützer der Dösdorfer höf dasselbs zu halben theil und die anderen nachbarn auch einen halben theil machen und unterhalten müssen“. Wie dramatisch sich schon damals eine hochwasserführende Prien auswirkte, kann den weiteren alten Aufzeichnungen entnommen werden. Da heißt es weiter: „Nachdem das wasser von den gepürgen vielmals anlauft, die steg oft weggetragen, die wiedermachung  nur nachlässig geschechen hat Wolf Hofer als besitzer und gerichtsherr zu Wildenwart anstatt der Stege  gute und nutze pruken gebaut“. Die Wichtigkeit der Brücke kann auch folgender Aufzeichnung entnommen werden: „Es sind auch etlich personen von der pruck gefallen, im wasser verdorben und auch frembde fürreisendt kauf- und andere leut kamen mit iren waren zu schaden“.

Missachtung der Maut- und Zoll-Pflicht

Mit dem Neubau der Brücke wollte der Wildenwarter Gerichtsherr, dass hierfür auch die zwei Dösdorfer Bauern auf Aschauer Seite ihren Obulus beitragen sollten. Diese trugen ihr Anliegen dem Probst zu Herrenchiemsee vor und wollten sich der Mitfinanzierung entziehen. Auch das angesetzte Verhör und die Verhandlung brachten kein zufriedenstellendes Ergebnis. Die Einbehaltung von Maut und Zoll, wie sie mit dem Jahr 1679 vereinbart wurde, ging immer schwieriger vonstatten. So heißt es einer Niederschrift: „Beim Übertritt über die Grenze werden sich aber die fremden fürreisend kaufleit und ander leut gedacht haben: der Himmel ist hoch und der Graf ist weit weg“. Statt dass sie pflichtgemäß beim Zöllner in Wildenwart oder Hohenaschau ihre Gebühren ablieferten, zogen sie als harmlose Reisende durchs Land und über die Brücke - und die Herrschaft war wieder um einige Kreuzer betrogen. Das ärgerte insbesondere den Aschauer Gerichgtsverwalter Stefan Ziegler. Er stellte einen Wächter auf die Brücke, der gleich an Ort und Stelle Maut und Zoll erheben sollte. Da dies jedoch schon ein bejährtes Männlein war, nicht besonders flink auf den Beinen, stellte er für die Passanten kaum ein Hindernis dar. Den Aufzeichnungen zufolge ritt ihn ein Reiter eines Tages einfach nieder, als er nicht schnell genug aus dem Wege ging. Das steigerte den Zorn des Gerichtsverwalters. Er ließ quer über die Brücke einen Schrankenbaum legen. Für einen jüngeren „Wachter“ stellte er ein Wachthäusl aus Holz auf, aber nicht am rechten Prienufer auf dem Grund der Dösdorfer, sondern am linken Ufer der Prien, auf dem Boden des Freiherrn von Schurf zu Wildenwart. Zugleich bewaffnete er ihn mit einem mächtigen Spieß und einem „Wachtgewöhr“. Das geschah im September 1679, also nur kurze Zeit nach der Errichtung der Brücke. Infolge der kalten Nächte zündete sich der „Wachter“ vor seinem Wachthäusl ein Feuer an. So konnte kein Reisender den „Staat“ Aschau mehr betrügen.

Wildenwarter stürmten die Brücke und feierten Waffen-Eroberung

Der Bau des Wachthäusl durch die Aschauer auf seinem Territorium erzürnte Freiherrn von Schurf mächtig. Er sandte ein geharnischtes Schreiben an seinen Nachbarn, den Herrn Johann Maximilian Graf von Preising. Antwort bekam er allerdings keine. Da griff er zur Selbsthilfe: Mit seiner ganzen „Heeresmacht“, bestehend aus einigen alten Gerichtsdienern und Jägern, schwer bewaffnet mit Spießen zog sein Verwalter gegen die Dösdorfer „Bruggen“. Als der Aschauer Wachter die siegschreiende Kriegsmacht ausrücken sah, verließ er fluchtartig das fremde Gebiet und sucht auf dem Grund und Boden seines Herrn Schutz. Die Wildenwarter kümmerten sich nicht um den Flüchtling, sondern stürmten in ihrer Begeisterung das Wachthüttl. Darin fanden sie das Wachtgewehr, einen „ganz guten Heleparten“. Das Hüttl trugen sie zur hochgehenden Prien und warfen es in die reißenden Fluten. Die erbeutete Waffe brachten sie ins Schloß Wildenwart. Alsdann veranstalteten sie in der Wirtstafern eine Siegesfeier. Der Aschauer Wachter machte Meldung bei seiner Herrschaft, doch Graf Preising bewahrte ruhig Blut. Er befahl keinen Gegen-Angriff, sondern wandte sich an den allergnädigsten Kurfürsten von Bayern. Dieser erließ einen scharfen Amtsbefehl an den Angreifer und befahl die Wiederherstellung des Wachthüttls und Auslieferung des Wachtgewöhrs. Die Bitte des Kurfürsten war aber vergeblich, der Streit ging weiter. Der Briefwechsel wurde fortgesetzt. Wie es in den Niederschriften weiter heißt, kam es aber zu keinen neuen Resultaten, die Streitsache schlief ein, „weil andere größere Sorgen den friedlichen Nachbarverkehr wieder hergestellt hatten“. Seither herrscht zwischen der Aschauer und Wildenwarter Bevölkerung trotz mancher Grenz- und Gesellschaftsveränderungen sowie nach politischen und territorialen Reformen eitel Sonnenschein. Dank der fleißigen Gerichtsschreiber können wir heute schmunzelnd auf diese „ernste“ Angelegenheit früherer Tage zurückblicken.

Anton Hötzelsperger

Fotos: Hötzelsperger

Die Brücke bei Dösdorf, die heute auf friedliche Weise Teil des „Grenzenlos-Wanderweges“ zwischen Tirol und Bayern ist. Wie der kleine Michael dabei feststellt, ist weit und breit kein Feind mehr zu sehen...

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Stand: 26. September 2002