Schloss Neubeuern

Schloßportal Neubeuern. Schlossportal von Gabriel von Seidl in NeubeuernDort, wo das Inntal schon breit wird, wo der Fluss das Gebirg endgültig verlassen hat, einst nahe beim Wasser, wölbt sich ein stattlicher Siedlungsbuckel. Obenauf Mauern, Bögen, Türmchen und ein Bergfried als Krone. Das ist Neubeuern.

Als die Wittelsbacher schließlich auch dem großen Grafen von Falkenstein das Land abgenommen hatten, im 13. Jahrhundert, kam um den Inn viel in Bewegung. Besitz und Grundherrschaft wechselten wieder und wieder. Die Mödlinger saßen mal dort, das Regensburger Hochstift und dann diese und jene Ritter, die sich hinkauften. Im Barock ging Neubeuern an die Preysing von Hohenaschau, die nun schon Falkenstein hatten und ihren umfassenden Besitz am Inn neu ordneten in der Herrschaft Neubeuern.

Der österreichische Erbfolgekrieg richtete viel Schaden an. So wurde im Rokoko das Schloss neu aufgebaut. Da gibt es für den Kunstfreund wohlklingende Namen: Stadtmaurermeister Ignaz Anton und Johann Baptist Gunetzrhainer, Landmaurermeister Phillip Millauer, Stukkator Johann Baptist Zimmermann und Schnitzer Joseph Götsch.

Mehr noch als deren Einzelkünsteleien muss das Ensemble begeistern, als das sich unterhalb des Schlosses die alte Innschifferstadt rund um den Kirchplatz präsentiert. Da hat nach einem großen Brand der Münchner Gabriel von Seidl die Phantasie sausen lassen dürfen, hat alles wieder aufgebaut, schön neu gemacht, dabei wohlalt gedacht als bayerischen Parademarkt. Das ist schon des Zweimal-Hinschauens wert. So was gibt´s in den Chiemgauer Bergen nicht noch einmal und in ganz Bayern nicht oft.

Die Wallfahrtskirche Mariä Empfängnis und das Schloss aus dem 12. Jahrhundert sind die architektonischen Schmuckstücke von Neubeuern am Inn.Das Schloss wurde für den reichen Bankierssohn aus Darmstadt, Herrn von Wendelstadt, total umgebaut und erweitert. Gabriel von Seidl verband Altes mit Neuem aus historisierendem Denken und aber auch mit jenem Duktus, der in der Stilwende-Architektur die Moderne schon erkennen lässt. Manche meinen, das Schloss wäre Neurenaissance. Das ist es sicher nicht. Manche sagen, es wäre ein Bastard. Nun ja, das ist noch nicht das Schlechteste. Karl der Große war auch einer. Mir scheint es eine fast gelungene Synthese, architektonisch allemal perfekt.

Das ungewöhnlich moderne Haus oben am Schlossberg füllte sich seinerzeit mit pulsierendem Kulturleben. Jan von Wendelstadt umgab sich mit illustren Künstlern und Intellektuellen. Sie kamen von Berlin, München, Wien, Weimar nach Neubeuern. Harry Graf Kessler, Henry van de Velde, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Rudolf Alexander Schröder, Alfred Walter Heymel, Rudolf Kassner und Rudolf Pannwitz, Walter Rathenau, Annette Kolb, Max Reinhardt. Jan von Wendelstadt zauberte einen letzten großen Glanz auf Neubeuern.

Heut ist der Ort ein Ausflugsziel, ein wenig Abseits. Vom Innhandel ist nichts mehr übrig. Der Fluss läuft kanalisiert vorbei. Schifffahrt gibt es nicht mehr. Der letzte Schiffmacher hat vor ein paar Jahren aufgehört. Das Schloss ist eine Schule. Na, ja. So ging's halt mit den Chiemgauer Sitzen, Märkten, Burgen und Schlössern. Wie gesagt, Schauobjekte. Stimulantia für Tagträumen.