Herreninsel
(520-545 M)

HerreninselMit 2,15 qkm Fläche und 7 km Umfang ist Herrenchiemsee die größte Insel im „Bayerischen Meer". Sie hat die Form eines nach Norden weisenden Dreiecks und ist heute zu einem großen Teil mit Wald bedeckt. Vom Landungssteg führt der Weg an einem großen Gebäudekomplex vorbei, dem ehemaligen Kloster Herrenchiemsee (auch „Altes Schloss" genannt).

LatonabrunnenWohl schon im 7. Jhd. bestand auf Herrenchiemsee eine klösterliche Niederlassung. Der Klostertradition zufolge wird die Gründung jedoch auf Herzog Tassilo III. zurückgeführt, der 782 die Klosterkirche „St. Salvator auf der Au" weihen ließ und den Benediktinern übergab. Nach dem Sturz des letzten Agilolfingers, Herzog Tassilo III., durch Karl d. G. (788) fiel das Kloster kurzfristig an den Bischof von Metz; 891 kam es an das Erzbistum Salzburg.

Klöster waren im Mittelalter nicht nur die wichtigsten Kulturträger, sondern auch wirtschaftliche und politische Zentren. Die Mönche haften durch Rodung, Kultivierung und Schenkungen großen Grundbesitz am Festland erworben. Damit waren auch besondere Gerichts - und Verwaltungsaufgaben verbunden, die von einem weltlichen Vogt wahrgenommen wurden.

Nach einer Zeit des Niedergangs ab der Mitte des 10. Jhd. wurde das Kloster um 1130 von Erzbischof Konrad 1. von Salzburg als Augustiner-Chorherrenstift neu gegründet. 1215 errichtete Salzburg das „Suffragan -Bistum Chiemsee", eine Art Unterbistum mit Sitz auf der Insel. Der Bischof hatte aber im Chiemseehof zu Salzburg zu residieren. Die Klosterkirche, seit 1131 den Heiligen Sixtus und Sebastian geweiht, wurde zur Kathedrale erhoben. Der Neubau der dreischiffigen, romanischen Basilika war 1158 vollendet. 1676 / 78 wurde ein neuer lnseldom im prachtvollen Barock errichtet (Baumeister Lorenzo Sciasca, Stuck von Giulio Zuccalli, Fresken von Joseph Eder und Jacob Carnutsch).

NaturparkIn mehreren Abschnitten von 1645 - 1730 wurde auch die weitläufige Klosteranlage mit Kaiser - und Fürstensaal neu erbaut. Die prachtvolle Ausmalung übernahm der Münchner Maler Benedikt Albrecht (1713 -15). Um 1738 schuf der Münchner Hofbaumeister und Stukkateur Johann Baptist Zimmermann den zweischiffigen Bibliothekssaal.

1737 -40 entstand das Klosterseminar (heute Schlosshotel). Im Konventstock Zimmer Nr. 7 des Alten Schlosses tagte der Verfassungskonvent zur Vorbereitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik in der Zeit vom 10.- 23.8.1948. Eine Inschrift auf der Ostseite des Alten Schlosses weist auf dieses wichtige Ereignis unserer Geschichte hin. 1998 wird zu diesem wichtigen Ereignis der neueren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Gedenkstätte mit Dokumentation eröffnet.

Auf dem ehemaligen Friedhof steht noch heute die frühere Pfarrkirche, ein im Kern spätgotischer Bau (1469 geweiht). Die Innenausstattung stammt aus den Jahren 1630 / 32, die Orgel von 1668. Von besonderem Interesse ist die hölzerne Kassettendecke des Langhauses mit ihren 17 Gemälden eines unbekannten Meisters. An den Außenwänden der Kirche dokumentieren die Wappengedenksteine von fünf Pröpsten des 17. und 18. Jahrhunderts Klostergeschichte.

Unter den Grabsteinen mag allen Ehemännern derjenige des Hofwirts Antonius Andreas Zitzlsperger (gest. 1756) ein gewisser Trost sein, wenn sie darauf lesen, dass dieser „als Mensch 37 Jahre, als Ehemann aber nur 2 Jahre‘ gelebt hat. Am früheren Landungssteg im Norden der Insel befindet sich die HI. Kreuz-Kapelle von 1697 mit einer originellen Ausmalung von Joseph Eder.

SpiegelsaalIm Zuge der Säkularisation aller bayerischen Klöster und Stifte wurde auch Herrenchiemsee 1803 aufgehoben. Der gesamte bewegliche und unbewegliche Besitz des Klosters wurde öffentlich versteigert. In den folgenden Jahren wechselten Insel und Gebäude mehrmals den Besitzer. Als man 1818 in dem ehemaligen Inseldom eine Brauerei einrichtete, wurden Chor und Türme des Gotteshauses abgebrochen und im Langhaus Zwischendecken eingezogen, die Statuen und Grabplatten z. T. in den See geworfen. Der ehemalige Dom soll in den nächsten Jahren auf Betreiben der „Freunde von Herrenchiemsee" wiederhergestellt werden. Einen weiteren Raubbau verhinderte erst König Ludwig II. (1 845-1 886), der die Insel 1873 für 350 000 Gulden erwarb, um hier sein Schloss in Anlehnung an Versailles zu errichten (ab 1878). Damit wurde auch die Abholzung der Insel, die durch den seinerzeitigen Eigentümer, einem Konsortium Holzhändlern aus Württemberg, geplant war, verhindert. Fürsprecher,   insbesondere die Bürgermeister der Ufergemeinden, bewegten König Ludwig zum Inselkauf. Das König-Ludwig-II-Denkmal auf der Strandpromenade Prien (1973 errichtet) erinnert an den unglücklichen Monarchen.

Bei aller Exzentrik Ludwig II. muss das „Neue Schloss" auch im Zusammenhang mit der Vorliebe für historische Stile im 19. Jahrhundert gesehen werden. Neuerrichtete Kaiser- und Königsdynastien, aber auch reichgewordene Industrielle, Bürger- und Malerfürsten kopierten in ihren Stadtpalais die Stilelemente des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und seiner Nachfolger.

Schloss Herrenchiemsee ist nicht einfach eine Kopie von Versailles. Im Inneren ist vieles, was in Versailles schon längst zerstört war, nach alten Stichen und Gemälden rekonstruiert (z. B. Gesandtentreppe) oder neu geschaffen worden (Mobiliar). Aufgrund von Geldmangel und dem plötzlichen Tod des Königs konnte das Schloss nicht vollendet werden. Der im Rohbau bereits hergestellte Nordflügel wurde 1907 abgetragen. Die gesamte Anlage ist auf das Paradeschlafzimmer des Königs zentriert. Dahinter befindet sich der 98 m lange Spiegelsaal, in dessen 17 Spiegeln sich das Licht von 1848 Kerzen auf 44 Kandelabern und 33 Lüstern widerspiegelte. Der König besuchte regelmäßig im September und Oktober das Schloss, dessen Ausstattung ein Höchstmaß an kunsthandwerklicher Perfektion darstellt (Architekt Georg Dollmann, Julius Hofmann, Ausstattung Franz Widmann, Philipp Peron). Zu seinem 100. Todestag wurde 1986 das neugestaltete „König Ludwig II Museum" in den unausgebauten Räumen des Schlosses wiedereröffnet. Dort werden Gegenstände aus dem privaten Nachlas und dem künstlerischen Schaffen für den König gezeigt.

Das Schloss ist von einem weitläufigen Park mit Brunnen- und Gartenanlagen umgeben, die allerdings nicht im ganzen Umfang verwirklicht wurden. Die restliche Insel ist heute ein Naturpark mit reichem Waldbestand und Wildgehege; er ist mit Wanderwegen erschlossen, die reizvolle Ausblicke auf den Chiemsee und die Voralpen des Chiemgaus bieten.