Pflanzen und Tierwelt im Chiemgau

Das Gebiet des Chiemseeverbandes umfasst mit ca. 900 km² eine ungewöhnlich vielfältige Landschaft, die von den über 1800 m hohen Gipfeln des Gebirges im Süden bis weit in die sanfthügelige Moränenlandschaft im Norden des Chiemsees reicht. Entsprechend vielfältig ist die Tier- und Pflanzenwelt in diesem etwa 30 x 30 km großen Gebiet.

Es sind nicht nur die spektakulären Arten an Pflanzen und Tieren, auf die wir unser Augenmerk richten sollten. Die Einsicht in die auch für unser Leben wichtigen ökologischen Zusammenhänge schärft die Wahrnehmung der vielen kleinen Wunder, die die Natur für uns bereithält. Halten Sie immer wieder auf Ihren Wanderungen inne, um neu sehen und hören und riechen zu lernen. Richten Sie den Rhythmus Ihrer Wanderung nicht nach zu leistenden Kilometern, sondern nach dem Tempo, in dem Ihre Augen und Ohren die Vielfalt der Natur aufnehmen können. So wird die Natur des Chiemsees zum unvergesslichen Erlebnis!

Pflanzen und Tiere bilden in verschiedenen Lebensräumen charakteristische Lebensgemeinschaften. Es wäre wenig sinnvoll und mit ständigen Wiederholungen verbunden, die jeder Gemeinde vorkommenden Tier- und Pflanzenarten aufzuzählen. Vielmehr wollen wir Ihnen im folgenden einige besonders auffällige und typische Tier- und Pflanzenarten nach ihren Lebensräumen vorstellen. Bei rund 1300 im Chiemgau gefundenen Pflanzenarten und allein etwa 300 bisher im Gebiet festgestellten Vogelarten (von Insekten und anderen Tieren ganz zu schweigen) kann diese Aufzählung natürlich nur ein kleiner Ausschnitt sein. (Vollständige Artenlisten finden sich in den Naturführern von M. Lohmann über die Pflanzenwelt, über die Vögel und über die Fische des Chiemgaus.)

Besonders bunt sind die blumenreichen Bergwiesen, insbesondere im Gebiet Kampenwand-Geigelstein und westlich Aschaus im Bereich Spitzstein-Klausen-Laubenstein. Im frühen Jahr findet man hier die tiefblauen Blüten vom Stengellosen und Frühlings-Enzian, oft in Gesellschaft der rosa Mehlprimel. An felsigem Standort trifft man die tiefgelbe Aurikel, an feuchten Standorten Trollblume und Alpenglöckchen an. Später, im Juli-August, ist die Blütenpracht so groß, dass wir nur einige der besonders auffälligen, nach Farben geordnet, nennen können:

Weiß: Rippensame (sehr stattlich), Gipskraut (zierlich), Berghähnlein (auffallend), Silberwurz (über Felsen kriechend), Schwarzrandige Wucherblume (margeritenähnlich), Schwarze Schafgarbe.

Gelb: Berg-Hahnenfuß, Gold-Fingerkraut und Sonnenröschen, Gelbes Veilchen, Punktierter Enzian, Gemswurz, Habichtskraut- und Greiskraut-Arten.

Rot, Orange und Rosa: Rotes Kohlröschen, Kugelorchis und andere Orchideen-Arten, Türkenbund, Stengelloses Leimkraut, Alpenrose, Mutterwurz, Alpenlattich.

Blau und Violett: Eisenhut, Alpen-Waldrebe, Ungarischer Enzian (und weitere Enzian-Arten), Glockenblumen-Arten und der stattliche Alpenmilchlattich.

Außer den Kühen auf den Almweiden wird man kaum größere Tiere im Gebirge zu Gesicht bekommen, obwohl neben Rehen auch Hirsche und Gemsen vorkommen. Von den wildlebenden Säugern wird man am ehesten noch das Murmeltier beobachten können, das sich schon durch seinen gehenden Warnruf („Pfiff") bemerkbar macht, bevor es in seinem Erdloch verschwindet.

Auch die Vogelwelt der Berge ist eher artenarm und scheu. Die zutraulichen Bergdohlen haben stark abgenommen. Nur mit Glück sieht man mal einen Steinadler kreisen oder einen Wanderfalken auf der Jagd. Häufig sind an manchen Tagen die Mauersegler im Gebirge. Auer- und Birkhuhn bekommt man allenfalls zur Balzzeit zu Gesicht. Der bunte Mauerläufer und die unscheinbare Alpenbraunelle sind selten. Birkenzeisig und Zitronengirlitz fallen dem Laien kaum auf. Fichtenkreuzschnäbel turnen oft in Schwärmen an den Fichtenzapfen herum.

Bei regnerischem Wetter trifft man den schwarzen Alpensalamander noch recht häufig an, während der gelbgefleckte Feuersalamander fast ausgestorben ist. Vor Schlangen braucht niemand mehr Angst zu haben, Kreuzottern und Ringelnattern sind ebenso rar wie Bergeidechsen. Eine ebenfalls recht bunte Flora weisen die als Streuwiesen genutzten Flachmoore auf. Im Frühjahr dominiert oft großflächig die gelbe Dotterblume; Ende Mai bis Anfang Juni hingegen sind manche Flächen (etwa bei Grabenstätt) blau von Sibirischen Schwertlilien. Auffällig sind auch die hohen Blütenstände vom Sumpf -Greiskraut (gelb) und die halbhohen vom Sumpf-Läusekraut (rosa). Nur noch stellenweise kommt die Trollblume vor, die Enzianarten sind bis auf den im Herbst blühenden Lungenenzian ganz verschwunden. Der Kenner entdeckt vom Waldrand aus verschiedene Orchideen-Arten: als frühestes das Breitblättrige Knabenkraut, etwas später das Fleischrote und stellenweise das Bleichgelbe Knabenkraut, das seltene Sumpf -Knabenkraut, die hohe Mücken-Händelwurz, die weiße Sumpf -Stendelwurz und manche andere. Über 340 Orchideenarten kann man im Chiemgau finden.

Die Flachmoore, insbesondere die Streuwiesen, beherbergen eine ganze Reihe seltener Brutvogelarten, die besonders typisch für das Chiemseegebiet sind. Leider haben viele Brutstände in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Sowohl durch seine Größe als auch durch seine melodischen Flötenrufe war der Große Brachvogel eine Charakterart der Chiemseemoore. Über zwanzig Paare bevölkerten noch vor 30-40 Jahren die feuchten Wiesen besonders am südlichen Seeufer. Heute brüten nur noch 2-3 Paare im Bergener Moos. Gänzlich verschwunden sind auch Birkhuhn und Rotschenkel aus den Chiemseemooren; das Birkhuhn hat sich ins Gebirge zurückgezogen. Seltener geworden, aber noch anzutreffen sind Bekassine und Kiebitz. Der geheimnisvolle Wachtelkönig oder Wissenknarrer (man hört sein hölzernes „rrräp-rrrräp" meist nachts) hat nach starker Abnahme in letzter Zeit wieder zugenommen, so dass für diese in Deutschland stark bedrohte Art der Chiemsee zu den wichtigsten Brutgebieten zählt. In den Altschilfbeständen findet man neben Wasserralle und Tüpfelsumpfhuhn verschiedene Singvögel, wie Rohrschwirl, Schilf-, Teich- und Drosselrohrsänger, letzterer in bundesweit bedeutsamer Anzahl. Besonderes Entzücken ruft das hübsche Blaukehlchen beim Besucher hervor, ein nahe Verwandter der Nachtigall; im Grabenstätter Moos brüten allein 10-15 Paare. Die parkartigen Wiesen werden vom Braunkehlchen und neuerdings vom Karmingimpel besiedelt.

Viel artenärmer, aber dafür besonders interessant ist die Flora der Hochmoore. Hier leben fleischfressende Spezialisten wie Sonnentau (3 Arten), Fettkraut und Wasserschlauch, oder Überlebenskünstler wie Rosmarinheide und Moosbeere. Stattlicher werden die Kleinsträucher von Rauschbeere und Heidekraut. Latschen (Krüppelkiefern) und Birken sind die einzigen Baumarten. An den feuchten Stellen findet man natürlich die Torfmoose, aus denen ja das Hochmoor hauptsächlich besteht, und das in Horsten wachsende Scheidige Wollgras.

Auch die Tierwelt der Hochmoore ist wertvoll, aber nicht artenreich. Unter den Insekten gibt es eine Anzahl seltener Libellenarten, wie Zierliche Moosjungfer, Spitzenfleck und Zwerglibelle, sowie Schmetterlingsarten, wie der Hochmoorgelbling. Manche Moortümpel sind Rückzugsgebiete für Moor- und Teichfrosch, vereinzelt findet man auch noch die Kreuzotter. Zu den Vögeln der Hochmoore gehören Wespenbussard und Baumfalke sowie Baum- und Wiesenpieper, Hänfling und seit einigen Jahren das Schwarzkehlchen.

Nicht zuletzt sei die Tier- und Pflanzenwelt des Chiemsees selbst erwähnt. Die Unterwasserflora des Chiemsees gehört zu den artenreichsten in ganz Deutschland: 36 untergetaucht lebende Wasserpflanzenarten wurden gezählt, davon 10 Arten der oft sehr seltenen Armleuchteralgen, die dichte kurze Rasen am Seeboden bilden, und 13 Laichkraut-Arten. Hinzu kommen Schwimmblattpflanzen wie Teich- und Seerose. Am Ufersaum findet man etwa 20 charakteristische, zum Teil sehr seltene Uferpflanzen.

Artenreich ist auch die Fischfauna des Sees. Aufgrund des sauberen Sees finden sich hier wieder beachtliche Bestände an Fischen wie den Hecht, Waller, Brachsen (Braxen), Renken, Seibling, Schied, Schratz. die Seeforelle, Aale und den wieder eingesetzten Perlfisch - insgesamt gibt es wieder über 30 Fischarten im See oder in der Alz.

Besonders vielfältig und besser erforscht ist die Vogelwelt des Chiemsees. Rund 300 Arten hat man im Lauf der Jahre hier festgestellt, darunter 125 brütende Arten. Zu den häufigeren Brutvögeln der Seeufer gehören Arten wie: Bleßhuhn, Stockente, Reiherente, Haubentaucher, Höckerschwan und Graugans. Seltener sind Zwergtaucher, Schwarzhalstaucher, Schnatterente, Krickente, Kolbenente, Schellente, Gänsesäger und Teichhuhn. - Wenn es im Winter ruhiger auf dem See wird, kommen viele Vogelgäste aus Nord- und Osteuropa. Große Schwärme von Blesshühnern, Tafel- und Reiherenten, aber auch seltenere Arten wie Pfeifenten, Spießenten, Löffelenten, Samt- und Eisenten, Stern- und Prachttaucher. Eine besondere Attraktion sind die mächtigen Seeadler, die hier in kleinen Gruppen den Winter verbringen. - Zu den Zugzeiten im Herbst und Frühjahr bevölkern bei niedrigem Wasserstand Watvögel in großer Artenzahl die Ufer, um im Schlamm nach Nahrung zu stochern: Bekassinen, Strand-, Wasser- und Uferläufer, Regenpfeifer und Uferschnepfen.

Es ist geplant, durch die Errichtung von Beobachtungsplattformen mit Fernrohren und Informationen diese reiche Vogelwelt den Besuchern des Sees näherzubringen.